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„Boko Haram hat keinerlei Programm für das Land“

Bischof Matthew Hassan Kukah, Bischof der Diözese Sokoto im Nordwesten Nigerias © Bettina Tiburzy, missio

Nigerias Bischof Matthew Hassan Kukah im Gespräch mit missio Aachen zur Präsidentenwahl am 28. März – „Kirche hat viel für Flüchtlinge getan“

19. März 2015

Bischof Matthew Hassan Kukah, Bischof der Diözese Sokoto im Nordwesten Nigerias, gibt trotz der militärischen Erfolge gegen die islamistische Terrorgruppe Boko Haram keine Entwarnung mit Blick auf mögliche Konflikte vor und nach der Präsidentenwahl am 28. März. Die nigerianische Wahlkommission hatte kurz vor dem ursprünglich geplanten Wahltermin am 14. Februar die Abstimmung um sechs Wochen verschoben. Als Grund nannte sie Sicherheitsbedenken des Militärs, das wegen des Einsatzes gegen Boko Haram nicht für die Sicherheit der Wahlen sorgen könne. Im Gespräch mit Eva-Maria Werner für das Internationale Katholische Missionswerk missio in Aachen fordert Bischof Kukah von einer neuen Regierung, vor allem den Kampf gegen die Korruption zu forcieren.

Fürchten Sie wegen der Wahlen eine neue Welle der Gewalt?

Während der Wahl werden Millionen Menschen in großen Gruppen auf engem Raum zusammenkommen, so sind sie leichte potenzielle Angriffsziele. Wir beten, dass nichts passieren wird, was weitere Angst in den Menschen schüren kann. Wir können nur das Beste hoffen.

Wie hat die nigerianische Kirche auf den Terror bisher reagiert?

Die Kirchen haben eine ganze Menge getan. Sogar auf lokaler Ebene, wie beispielsweise in der Diözese Sokoto, wurde Geld gesammelt. Ich persönlich habe das Bistum Yola besucht, dort Messe gefeiert und auch die Flüchtlingscamps besucht. Auch die Bischofskonferenz hat uns unterstützt. In meinen Gesprächen mit Flüchtlingen in den Camps haben mir viele mitgeteilt, dass sie nach Gott der Kirche am meisten dankbar sind. Es ist das Zeugnis lokaler Bischöfe wie Oliver Doemen von Maiduguri oder Stephan Mamza von Yola, auf das wir stolz sein können. Sie und ihre Gläubigen haben schon eine Menge getan und werden auch weiter aktiv bleiben.

Es gibt in Nigeria bis zu 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge, die wegen des Terrors von Boko Haram ihre Heimat verlassen haben. Wie kann sichergestellt werden, dass diese Menschen auf der Flucht an den Wahlen teilnehmen können?

Definitiv wird noch lange nicht jeder Nigerianer wählen gehen können - ganz abgesehen von den Binnenflüchtlingen. Die Unabhängige Nationale Wahlkommission INEC hat zwar versprochen, dass alle zur Wahl gehen können. Allerdings denke ich, dass viele den Wahlurnen fern bleiben. Da die Regierung in der Vergangenheit zu wenig getan hat, um das Leben der Menschen zu sichern, warum sollte ihnen die Wahl dann wichtig sein?

Was müssen ein neuer Präsident und ein neues Parlament unbedingt ändern?

Die Regierung hat sich bemüht, aber das hat viel Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht. Das Land zusammenzuhalten war eine Herausforderung. Die Beharrlichkeit des Widerstands von Boko Haram hat eine der Schwächen dieser Regierung offenbart. Trotz aller Unfähigkeiten hat es keine personellen Konsequenzen deswegen gegeben. Die meisten Nigerianer sehen allerdings die eigentliche Herausforderung eher im Aufbau einer vernünftigen Infrastruktur. Es geht um Verkehrsmittel wie die Eisenbahn, um Energie und Arbeitsplätze. Wir können Jobs nur in Verbindung mit einem massiven Industrialisierungs-programm schaffen. Das sind die Fragen, die die durchschnittliche Bevölkerung umtreiben.

Präsident Goodluck Jonathan ist ein Christ aus Süd-Nigeria. War die zunehmende Gewalt von Boko Haram Anfang des Jahres möglicherweise Teil einer Strategie der politischen Kräfte des Nordens, selbst wieder an die Macht zu kommen?

Boko Haram ist eine kriminelle Organisation, die keinerlei Programm für das Land hat außer Stehlen, Plündern, Entführen und die Bürger terrorisieren. Man darf in die Tatsache, dass Präsident Goodluck Jonathan aus dem Süden stammt, nicht zu viel hineininterpretieren. Fakt ist, dass er und die Menschen im Süden sicher sind. Die Menschen dagegen, die im Norden leben, sind diejenigen, die unter Boko Haram leiden. Und das sind überwiegend Muslime. Boko Haram würde weder mit der Macht umgehen können, wenn sie sie hätte, noch weiß die Gruppe überhaupt, wie man „Strategie“ buchstabiert.

Wird Boko Haram von Teilen der Bevölkerung unterstützt oder fühlen sich mittlerweile alle gleichermaßen angegriffen, weil die Milizen nicht allein mehr nur Regierungseinrichtungen und Christen attackieren, sondern auch moderate Muslime?

Boko Haram attackiert Menschen ungeachtet ihres Glaubens. Es geht hier nicht um Fragen des Glaubens oder der Religion. Auf solche Diskussionen dürfen wir uns nicht beschränken und engführen lassen, sonst verlieren wir die Fähigkeit, uns gemeinsam für die Humanität, für die uns allen gemeinsame Menschlichkeit einzusetzen.

Trauen Sie es eher dem Amtsinhaber oder seinem Herausforderer Muhammadu Buhari zu, den Terror wirksam zu bekämpfen?

Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Vielleicht könnte es ein neuer Präsident besser machen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass ein neuer Präsident nicht die gesamte Armee auf einen Schlag verändern kann. Wir wissen auch nicht, ob er tatsächlich kämpfen will. Der aktuelle Präsident hat gewissermaßen wie ein Ehrenmann gekämpft, aber nicht entschlossen genug. Er hat zu viele Auswüchse der Korruption zugelassen. Er hat möglicherweise die Probleme verharmlost. Wir Nigerianer selbst haben uns vielleicht nicht entschieden genug gewehrt oder sind gegen die Missstände aufgestanden. Daran sind wir auch als Kirche vielleicht nicht ganz unschuldig.

Wofür stehen denn eigentlich die beiden Kandidaten?

Was Politiker im Wahlkampf vertreten, steht nicht unbedingt für das, was sie in ihrem Amt später tun werden. Goodluck Jonathan steht mit Blick auf Minderheiten im Land für ein gewisses Maß an Hoffnung, aber das ist nicht genug. Er hat schon einiges für die Infra-struktur und Entwicklung des Landes getan. Leider aber war er zu nachsichtig und hat die Korruption wuchern lassen. Herausforderer General Buhari, ein früherer Militärdiktator in Nigeria, gilt als ehrliche, strenge militärische Führungskraft, die nicht korrupt war. Aber es ist etwas anderes, als Politiker sich mit einer Nationalversammlung auseinandersetzen zu müssen, in der es auch Korruption gibt, Bestechung vorkommt und in der Kompromisse gesucht werden müssen. Wir wissen auch nicht, womit General Buhari in den vergangenen Jahren seinen Lebensunterhalt verdient hat. Er gilt als sauber. Aber es gibt Gerüchte über die Männer im Hintergrund, die seine Kampagne finanziell unterstützen. Diese kennen wir nicht und das ist beunruhigend. Wie fanatische Randgruppen innerhalb des Islam auf seinen Sieg reagieren werden, ist kaum einzuschätzen. Das macht uns schon Sorgen.

Was braucht Nigeria, um sich langfristig von der Geißel des Terrorismus zu befreien?

Entwicklung und Investition. Es wird noch lange Terrorismus in der Welt geben. Nigeria braucht noch mehr ehrliches Engagement seiner internationalen Freunde, die gemeinsam mit uns etwas erreichen wollen. Davon sieht man derzeit wenig. Irgendwie wirkt hier in der internationalen Gemeinschaft immer noch das Denken in den Mustern des Kalten Krieges nach. Das spüren wir gerade vor dem Hintergrund, dass China stark wird.

Nach den Terrorattacken von Paris gab es weltweite Solidaritätsdemonstrationen für die Meinungsfreiheit. Vermissen Sie solche internationale Solidarität mit Nigeria?

Nun, die Verantwortung liegt vor unserer eigenen Haustür. Wir haben selbst nicht genug getan. Die Menschen können uns nur unterstützen, wenn wir mehr für uns selbst tun, wenn wir mehr Respekt für das menschliche Leben in unseren Gesellschaften aufbringen.

Übersetzung: Barbara Havermann-Gärtner, Eva-Maria Werner; Überarbeitung: Johannes Seibel

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