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Oft gehen sie hungrig zur Schule.

Totenstille: In Südafrika tötet Aids eine ganze Generation. Jede Woche hebt der Bagger neue Reihen von Gräber aus – zu viele, um sie von Hand zu graben. © Fritz Stark / missio

Abends schließen sie die dünne Holztür ab und hoffen, dass nichts passiert. Sizani* und ihre vier Schwestern sind Aidswaisen – und einer von vielen Kinderhaushalten in Südafrika.

Als Zakhele, Nhlanhla und Njabulo* aus der Schule kommen, sind die Türen verschlossen. Die eine führt in die Küche, die andere direkt ins Schlafzimmer. Mehr Räume gibt es nicht. Das Haus mit der Nummer 18958, die jemand mit weißer Farbe auf die rohen Steine gepinselt hat, ist eine typische Sozialwohnung, wie sie die Armen beim Staat beantragen können. Sizani, ihre große Schwester, ist nicht zu Hause. Vielleicht hat sie der Onkel wieder zu sich bestellt. Vielleicht ist sie nochmal fortgegangen, um Arbeit zu suchen. So wie vorgestern. In New Jemany, dem nächsten Township, hatte die 20-Jährige gehört, würde demnächst eine neue Fabrik eröffnen. Sie wusste nicht einmal, was für eine. Aber das war auch egal. Früh morgens hatte sie sich auf den Weg gemacht, damit sie nur ja unter den ersten Bewerbern war. Sizani hätte jeden Job angenommen, nur um ein paar Rand zu verdienen. Aber niemand wollte sie haben. Mittags saß sie wieder zu Hause, wie verloren auf der äußersten Bettkante: eine zarte, junge Frau mit ebenmäßigen Gesichtszügen, umgeben von einem Schleier aus Traurigkeit.

Die Mädchen kennen es, vor verschlossenen Türen zu stehen. Sie sind Schlüsselkinder, nur dass ihre Eltern nie mehr zurückkommen. Vater und Mutter sind an Aids gestorben. Danach lebten sie drei Jahre bei „Gogo“, wie sie die Großmütter in ihrer Muttersprache Zulu liebevoll nennen. Sie war noch nicht lange tot, als ihr Stief-Opa sie aus seinem Haus jagte. Verzweifelt flüchteten die Schwestern in ihr leer stehendes Elternhaus. Seitdem ist Sizani das Familienoberhaupt. Makhosi*, die zweite, ist schon 18 und kann ihr helfen. Aber Zakhele, Nhlanhla und Njabulo sind mit acht, neun und zwölf Jahren noch echte Kinder. So ist es bei ihnen in Afrika: Wenn die Eltern sterben und kein Verwandter bereit ist, sich um die Kinder zu kümmern, übernimmt das älteste von ihnen die Verantwortung.

Leben von dem, was andere nicht brauchen

Einsam: Bei Tisch fällt kein Wort. Die Stille ist bedrückend. © Fritz Stark / missio

Die drei haben Hunger. Eilig streifen sie ihre Schuluniformen ab und ein billiges Kleid über. Zielsicher ziehen sie es aus dem schmuddeligen Regal, in das alle fünf ihre Sachen stopfen. Das meiste stammt aus der Altkleidersammlung. Die Mädchen leben von dem, was andere ausrangieren. Ihr Kühlschrank funktioniert seit Monaten nicht mehr, vom Küchenbüffet, an dem sie hastig eine Scheibe trockenes Brot verschlingen, löst sich der Pressspan.

Plötzlich steht Sizani in der Tür. „Wir haben kein Geld, um Gemüse zu kaufen“, sagt sie kaum hörbar. „Manchmal schenken uns die Nachbarn etwas.“ Ihre Not zuzugeben, ist ihr peinlich. Unauffällig und leise ist die Älteste zurückgekehrt. Kein Wort darüber, wo sie war oder ob der Onkel etwas von ihr gewollt hat. Sizani redet nicht viel. Die Kleinen wissen trotzdem, was sie zu tun haben. Denn ihre große Schwester will nicht, dass man ihnen die Armut ansieht.

Bevor Zakhele, Nhlanhla und Njabulo auf dem Bett ihre Hefte ausbreiten und Hausaufgaben machen, waschen sie ihre Schul-Strümpfe. Danach knetet Sizani die Uniformen in der Seifenlauge. Sie müssen schnell sauber werden, denn die Mädchen besitzen jede nur eine Garnitur. Sie schieben die große graue Plastikschüssel vor das Haus und machen sich an die Arbeit. Das Wasser holen sie an einer Zapfstelle unten an der Straße. Es ist kostenlos – Gott sei Dank.

Denn die fünf Schwestern sind völlig von anderen abhängig. Vor allem vom Wohlwollen ihres Großvaters. Hin und wieder fährt er mit seinem Auto vor und bringt ihnen Lebensmittel – Reis, Mais, was ihm gerade einfällt. Wenn er gut gelaunt ist, zahlt er auch ein paar Kilowattstunden Strom. Die Mädchen müssen ihn im Voraus mit einer Art Pre-Paid-Karte kaufen. Doch die Glühbirne, die in der Küche vom Dachbalken baumelt, leuchtet schon lange nicht mehr …

Sizani und ihre Schwestern sind einer von 80 000 Kinderhaushalten in Südafrika. Streng genommen zählen sie gar nicht dazu, weil die beiden Ältesten schon volljährig sind. Trotzdem teilen sie das Schicksal von 1,4 Millionen Aidswaisen in ihrem Land. Die Pandemie hat eine ganze Elterngeneration ausgelöscht. Und eine Besserung ist kaum in Sicht. Der Kapstaat hält als Land mit der höchsten Zahl HIV-infizierter Einwohner weltweit seit Jahren einen traurigen Rekord.

Nur auf St. Mary’s ist Verlass

Verzweifelt: Sizani kümmert sich um ihre vier Schwestern. Die Mutter kann sie ihnen nicht ersetzen. © Fritz Stark / missio

Die fünf Mädchen leben von der Hand in den Mund. Ihr Vorratsregal ist wie immer fast leer. Für die nächsten Tage bleiben ihnen noch ein welker Kohlkopf und eine Handvoll Zwiebeln. Manchmal steckt ihnen auch der Onkel oder die Tante etwas zu. Aber jetzt ist Tante Thobile selber arbeitslos und muss zusehen, wie sie über die Runden kommt. Die einzigen, auf die sie sich verlassen können, sind die Betreuerinnen von St. Mary’s. Die Hilfsorganisation ist aus einem Projekt der Ordensschwestern vom Kostbaren Blut in Mariannhill hervorgegangen und ein langjähriger Partner des Internationalen Katholischen Missionswerks missio.

Einmal im Monat bekommen die Mädchen von St. Mary’s Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber das ist nicht alles. Um nah an den Menschen zu sein, hat die Einrichtung ein engmaschiges Netz von mehr als 370 Mitarbeitern aufgebaut. Sie kümmern sich in den Landgemeinden um Kranke und Bedürftige. Das war Sizanis Glück.

Nie wird sie „Gogos“ Worte vergessen. Die alte Frau lag schon im Sterben, als sie ihre älteste Enkelin zu sich rief: „Ich bin krank. Jetzt bist du verantwortlich für die Kinder.“ Aber Sizani hatte nicht geahnt, dass es einmal so schwer werden würde. Zuerst hatte sie ihre kranke Mutter gepflegt. Ihr Vater war damals schon ein paar Jahre tot und hatte sich ohnehin kaum um seine Familie gekümmert. Ihre Mama aber hatte immer für ihre Töchter gesorgt. Sie arbeitete als Näherin in einer Textilfabrik und verdiente nicht schlecht – zumindest gut genug, dass sie das Haus kaufen konnte. Bis sie krank wurde und ihren Job verlor. Damals nahm ihre Oma die drei Kleinen zu sich, Sizani und Makhosi pflegten die Mutter: zwei Teenager, die eine erwachsene, aidskranke Frau fütterten, wuschen, zur Toilette trugen – monatelang, bis sie starb. Danach zogen auch die Großen zu „Gogo“.

Fünf Jahre ist das jetzt her, und noch immer kann Sizani kaum darüber sprechen. Jede Frage nach ihrer Mutter geht ihr unter die Haut. Ihre Antworten sind ausweichend, einsilbig und signalisieren vor allem eins: Abwehr. Die 20-Jährige kann den Kleinen die Mama nicht ersetzen. Sie fehlt ihr ja selber.

Wie beschreibt man die Leere in diesem Haus, das niemand mit Lachen und Wärme erfüllt? Die bedrückende Stille, wenn die Mädchen abends vor ihrem Teller Reis sitzen und kein Wort miteinander wechseln. Die kargen Räume, von deren Wänden der Putz blättert und denen alles Persönliche fehlt. Die Unnahbarkeit, mit der Sizani sich schützt.

Nur Sbongile Dladla hat Sizani sich anvertraut. Schon oft hatte sie die Mitarbeiterin von St. Mary’s beobachtet, wie sie mit ihrer mintfarbenen Tasche von Haus zu Haus ging und Krankenbesuche machte. Als ihnen dann Ende vergangenen Jahres die Lehrer die Zeugnisse verweigerten, weil niemand für die fünf Schwestern Schulgebühren bezahlte, fasste sich Sizani ein Herz und bat um Hilfe.

Vom Großvater aus dem Haus gejagt

Mittellos: Der Opa hat die Kinder weggejagt. Jetzt leben sie allein in ihrem heruntergekommenen Elternhaus. © Fritz Stark / missio

Ein gutes Jahr ist es jetzt her, dass ihr Großvater sie vor die Tür setzte. Sizani erinnert sich noch genau. Es war ein Sonntagabend im Februar. Es regnete. Der missgünstige Alte konnte Kinder noch nie leiden. Jetzt machte er den Mädchen richtig Angst. Eilig stopften sie ein paar Plastiktüten mit Sachen voll und flüchteten in das heruntergekommene Haus, das früher ihrer Mutter gehört hatte.

Es war völlig leergeräumt. Oma und Onkel hatten das Erbe unter sich aufgeteilt. Den Mädchen blieb nicht mal ein Foto, das sie an ihre Mutter erinnert. „In der afrikanischen Kultur reißt oft der Bruder des Vaters das Erbe an sich. Das erklärt auch, warum Sizani rennt, sobald ihr Onkel sich meldet“, erklärt Ronita Mahilal, Projektmanagerin bei St. Mary’s. „Die Kinder gehen oft leer aus, obwohl das gesetzeswidrig ist. Wir arbeiten daran, dass die gesetzliche Erbfolge eingehalten wird, aber das ist oft ein jahrelanger Prozess.“

Sobald St. Mary‘s von dem Schicksal der Mädchen erfahren hatte, kümmerte sich Nobuhle Dube, die die Arbeit in den Townships koordiniert, um Unterstützung. Sie sorgte dafür, dass die Schulgebühren übernommen werden und die Verwandten der Mädchen wenigstens einen Teil dazu beitragen. Die Organisation hilft mit Lebensmitteln, Lernmaterial, Kleidung. Aber das wichtigste: Regelmäßig besuchen die Betreuerinnen von St. Mary’s Sizani und ihre Schwestern. Sie wollen ihnen vor allem vermitteln: Ihr seid nicht allein. Die Frauen fürchten aber auch Übergriffe auf die Mädchen. Denn in ihrem Haus sind sie völlig schutzlos. Die dünnen Sperrholztüren bekommt jeder Halbstarke mit einem Tritt auf. Und auch die Nachbarn, die gerne erklären, sie hätten ein Auge auf die Kinder, können keine Sicherheit garantieren. Sizani hingegen behauptet selbstbewusst: „Ich sehe nichts, was mir Angst machen könnte.“

Die Große hat andere Sorgen. Ausgerechnet sie, die so gerne lernt, hat in Mathematik das Abitur nicht bestanden. Jetzt büffelt sie für die Nachprüfung und hofft, bald einen Job zu finden. Hauptsache, sie kann endlich Geld verdienen und ihre Schwestern unterstützen. Bis dahin steht sie weiter morgens um halb sechs auf, fegt, macht, wenn etwas zu essen da ist, Frühstück, wäscht und kocht. Jeden Sonntag geht sie zur Kirche. Ihr Glaube gibt ihr Kraft dieses Leben durchzustehen. Aber wenn St. Mary’s Pakete verteilt, schickt sie die Kleinen. Sie selber bleibt lieber zu Hause. Sie hat keine Lust, sich von den Jungen hinterherpfeifen zu lassen. Schließlich muss sie sich auch so schon um genügend Kinder kümmern.

Text: Beatrix Gramlich / Fotos: Fritz Stark

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