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Endlich frei - Die ersten Schritte des Südsudan

18. Juli 2011

Seit dem 9. Juli 2011 gibt es einen Staat mehr auf der Welt. Der Südsudan spaltete sich nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges vom nördlichen Bruder ab. Nun muss das Land auf eigenen Beinen stehen. Die Euphorie der Staatsgründung wird nicht ewig halten. Probleme wie Armut, Analphabetismus und bewaffnete Konflikte müssen angegangen werden.

Tanzgruppen aus dem ganzen Land feierten in der Hauptstadt.
Angel ist um vier aufgestanden, um einen der vordersten Plätze zu ergattern.

Wolken sind am Himmel zu sehen. Später gibt es einen kleinen leichten Schauer, wie fast jeden Abend im Juli im Südsudan. Der 89-jährige Valentino Fabris sitzt gemütlich auf einem grünen alten Plastik-Stuhl. Der stattliche Mango-Baum neben ihm wirft schützenden Schatten vor der brennenden Tropensonne.

"Ich bin so glücklich, dass jetzt alle frei sind." sagt Valentino. Man muss sich zuerst an seine englische Aussprache gewöhnen. Die Melodie in seiner Stimme verrät immer noch seine italienische Herkunft.

Valentino kennt dieses Land, seine Menschen. "Ich bin mit 27 Jahren in den Sudan gekommen. Das war 1949." 62 Jahre später sitzt Valentino im Anwesen der italienischen Comboni-Missionare in der jungen Hauptstadt Juba und blickt auf ein Leben zurück, das die gesamte jüngere Geschichte des Sudan umfasst.

Plakat zur Unabhängigkeit an einer Hauptstraße in Juba.

Und diese Geschichte ist blutig. Valentino erzählt vom ersten großen Bürgerkrieg, der von 1955 bis 1972 andauerte. "Ich war damals im Süden, als die Truppen kamen. Sie haben die Schwarzen fürchterlich behandelt," erinnert sich Valentino. Der zweite Unabhängigkeitskrieg brach 1984 aus. Damals kämpfte die Sudan People's Liberation Army (SPLA) gegen das herrschende Regime der National Congress Party (NCP) in Khartum. Zwei Millionen Menschen starben während der blutigen Kämpfe zwischen dem arabisch-muslimisch dominierten Nordsudan, der die Regierungsgeschäfte in Khartum dominierte, und dem christlich-animistischen Südsudan. Geschätzte vier Millionen Menschen flüchteten oder wurden vertrieben.

Valentino arbeitete 1984 als Schuldirektor und Lehrer im Buschland des Bundesstaats Western Equatoria. "Wir mussten vor den Truppen in die Zentralafrikanische Republik fliehen. Ich war der letzte im Flüchtlingstreck und dann hatte mein Auto einen Motorschaden," erzählt Valentino aufgeregt. Es scheint, als ob die Bilder von damals wieder vor seinem inneren Auge ablaufen. "Ich dachte, ich sei verloren." Valentinos sudanesische Begleiter kehrten jedoch unter Lebensgefahr zu ihm zurück und retteten ihn. "Sie sagten, sie konnten mich nicht zurücklassen. Wir waren wie Brüder," erinnert sich Valentino. Beim Erzählen der alten Geschichten kann der alte Mann seine Tränen nicht zurückhalten.

Der Bürgerkrieg dauerte 21 Jahre. Erst das Comprehensive Peace Agreement (CPA) vom 6. Januar 2005 bereitete dem Blutvergießen vorläufig ein Ende. In dem Abkommen wurde für 2011 ein Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudan vom Norden vereinbart. Im Januar dieses Jahres war es dann endlich so weit: 99,83% der Referendums-Teilnehmer stimmten für die Eigenständigkeit des Landes.

"Als ich das Ergebnis des Referendums hörte, habe ich geweint. 99%!" Valentino richtet sich nach vorne, als er die Zahl sagt, und nickt immer wieder mit dem Kopf. "99 Prozent!"

Präsident salva Kiir Mayardit am Vorabend der Unabhängigkeit Juba am 8.Juli 2011

Dass dieses Land einmal unabhängig werden würde, konnte lange niemand glauben. Am Samstag, dem 9. Juli 2011 war es endlich so weit. An diesem Tag erklärte der Südsudan seine Unabhängigkeit vom Norden und wurde das 193. Mitglied der Vereinten Nationen.

Die gesamte Woche davor wurde auf den Straßen Jubas und im gesamten Land gefeiert. Paraden und Umzüge marschierten durch die Stadt. Die Nacht vor der Unabhängigkeit machten die Einwohner Jubas zum Tage. Vuvuzelas dröhnten durch den Nachthimmel, als fände die WM im Sudan statt. Autos wurden in erster Linie nicht als Transportmittel sondern zum hupen gebraucht.

An den zentralen Feiern am John Garang Memorial nahm Valentino nicht teil. John Garang war der legendäre Führer der SPLA, der 2005 tragisch bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam. Tausende drängen sich auf das Gelände im Zentrum der Hauptstadt. Trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen ist der Andrang groß.

Wer einen guten Platz haben wollte, musste früh aufstehen. Angel hat einen guten Platz. Er steht direkt am frisch gemauerten Weg, der vom Fahnenmast mit der neuen Nationalflagge zur Statue von John Garang führt "Um vier Uhr bin ich aufgestanden. Ich bin so glücklich hier zu sein", sagt der 16-Jährige etwas schüchtern. Er hat noch viele Stunden in der Sonne vor sich und er wird trotzdem jede Minute genießen.

"Die Tränen der Vergangenheit sind weggewischt"

Als der Sprecher das erste Mal das Wort Unabhängigkeit in den Mund nimmt, kennt die Menge kein Halten mehr. Tausende kleiner südsudanesischer Flaggen werden gen Himmel gehoben und geschwenkt. Neben mir verliert ein einheimischer Reporter beinahe die Fassung. Er ballt die Fäuste und senkt den Kopf. "Endlich Freiheit" flüstert er in sich hinein. "Freiheit".

Gegenüber, auf der Haupttribüne, zeigt sich Paul Yugusok ebenfalls überglücklich. Der 50-Jährige ist Bischof von Juba. "Heute feiern wir das Ende von 55 Jahren Unterdrückung, Bevormundung und Sklaverei. Wir haben unsere Würde zurück. Wir haben eine Identität! Die Tränen der Vergangenheit sind weggewischt." sagt Yugusok geradezu beschwörend. "Wir erinnern uns an die Toten, an die Verstorbenen. Aber heute trauern wir nicht. Wir feiern im Gedenken an alle Opfer."

Afaf Atta el Nanan hat ebenfalls einen der begehrten Plätze auf der Ehrentribüne. Sie kommt aus der Baravi-Region. Diese wird ab morgen zum Nordsudan gehören. Ihre helle Haut zeigt ihre Herkunft aus dem Norden. "Ich habe 32 Jahre mit Südsudanesen in Nairobi zusammengelebt. Ich habe ihr Leiden miterlebt und habe lange Freundschaften mit Menschen von hier. Heute bin ich hier, um mit meinen südsudanesischen Freuden zu feiern." Afafs Meinung zur Unabhängigkeit ist gespalten. "Ich würde ein gemeinsames Land bevorzugen, aber das Volk hat entschieden."

Drei Plätze weiter sitzt John Dabi aus Yambio, ehemaliger Finanzminister des Bundesstaates Western Equatorial. "Ich bin 1967 geboren und habe als Kind den ersten Krieg miterlebt. Als ich Student war, brach der zweite Krieg aus. Jetzt stehe ich hier und bin überwältigt. Jetzt haben wir endlich einen Staat. Wir sind eine Nation!"

Dabi strahlt überglücklich und spricht mit fester Stimme. "Wir sind die glückliche Generation, die diesen Tag erleben darf. Viele sind vorher gestorben. Unsere gemeinsame Freude von heute wird das Fundament für unsere Zukunft bilden."

Wie lange diese Freude halten wird, ist eine große Frage, denn der Südsudan steht auch vor gewaltigen Problemen. "Wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns. 98% der Frauen im Südsudan sind Analphabeten. Bildung hat deshalb höchste Priorität. Wir müssen unsere Infrastruktur ausbauen. Die Wasserversorgung, die Landwirtschaft," skizziert John Dabi die zahlreichen Aufgaben für den neuen Staat. Ohne Hilfe von Außen wird dies nicht möglich sein.

Inflation, Arbeitslosigkeit und der harte Alltag im Südsudan

Endlich frei, aber ungewisse Zukunft Südsudanesin am 9. Juli 2011

Am Montag nach der Unabhängigkeitsfeier ist die Stimmung schon etwas leiser geworden. Die Vuvuzelas sind nur noch selten zu hören.

Die asphaltierte Straße vor dem Gelände der Componi-Missionare verliert sich nach wenigen Metern in einer vom Regenwasser zerfurchten Staubpiste. Nur 100 Meter von einer der zentralen Hauptstraßen Jubas entfernt sind hier schon die Mängel in der Infrastruktur unübersehbar.

Eine Kreuzung weiter steht ein 1,85 Meter großer Mann. Er trägt ein hellbraunes Sakko. Auf der Nase sitzt eine schwarze Sonnenbrille. Sein Name ist James. Er wartet an einem der Straßen-Läden, wie man sie in vielen afrikanischen Ländern findet. Eine Art zusammengezimmertes Holz-Fachwerk. Die Freiflächen zwischen den Holzstreben sind mit Maschendrahtzaun umspannt. Der Draht hält die Hände gieriger Kunden und potentieller Diebe fern. James wartet geduldig, bis er an der Reihe ist. Er bestellt einen kleinen Eimer Naomi - Wasch-Seife. Ein Alltagsgegenstand im Südsudan, den jede Familie braucht. Er nimmt die Waren entgegen und gibt dem Verkäufer 5 sudanesische Pfund und wartet vergeblich auf das Wechselgeld.

"Die Seife kostet jetzt immer fünf Pfund! Das ist schon die zweite Fuhre hier, die ich für den erhöhten Preis weiterverkaufe." sagt der Verkäufer, während er eine Handbewegung zu dem Regal mit den den Eimerchen voller Waschseifen macht. 5 Sudan Pfund sind etwa 1,50 US-Dollar. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als einem 1 Dollar auskommen muss, ist dies viel Geld. James guckt verwundert, er stockt, aber was soll er machen? Der Verkäufer hat nur ein entschuldigendes Lächeln übrig. Ihm ist die Preiserhöhung unangenehm. James ist Stammkunde. "Schon wieder eine Preiserhöhung. Die ganze Zeit. Alles wird immer teuer," murmelt James, als er sich langsam von der Holzecke wegdreht.

Der Südsudan ist nun frei von der Bevormundung des muslimischen Nordens. Entwickelt ist er deshalb noch nicht. Er sitzt zwar auf dem Großteil der Ölreserven des ehemaligen Gesamtstaates, aber Transportwege, Pipelines und die strategischen Häfen kontrolliert der Norden. Die Erlöse aus dem Ölgeschäft in Höhe von knapp 6 Milliarden US-Dollar im Jahr werden immer noch halbiert. Der Süden wird dies nicht mehr lange akzeptieren.

Doch schon jetzt brodelt es im Grenzgebiet. Die Armee des Nord-Regimes von Omar Bashir, der wegen Kriegsverbrechen in Darfur mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, geht seit Anfang Juni in den Regionen Abyei und Südkordufan gegen Verbände des Südsudan und nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung vor. Das Gebiet ist zwischen beiden sudanesischen Staaten umstritten. Nach dem Friedensabkommen von 2005 soll die Bevölkerung in beiden Provinzen über die Zugehörigkeit zum Norden oder Süden entscheiden. Das Regime in Khartum fühlt sich an diese Vereinbarung jedoch nicht mehr gebunden.

Bisher blieb die Regierung im Süden ruhig. Das Ziel der Unabhängigkeit sollte nicht gefährdet werden. Instabil bleiben die äußeren Bedingungen für das junge Land allemal.

Es wird langsam dunkel. Die Messe in der nahe gelegen Kapelle der Comboni beginnt. Valentino richtet sich mühselig von seinem Stuhl auf. Als der Gast aus Deutschland zum Abschied nach einem Foto fragt, schüttelt Valentino mit dem Kopf. "Nein, Ich möchte nicht berühmt werden." Und noch eine Bitte gibt er seinem Besucher auf den Weg. "Schreibe nicht zu viel über mich. Nur ein bisschen! Ich habe mein Leben nicht im Südsudan verbracht, um berühmt zu werden. Ich bin hier, weil ich die Menschen liebe."

62 Jahre seines Lebens hat er für die Menschen in diesem Land gearbeitet. Im Busch Schulen errichtet, Kranke getragen und gepflegt. Sein eigenes Leben mehr als einmal aufs Spiel gesetzt. Er kennt die Menschen in diesem Land, ihre Nöte und Sorgen und er wird auch noch die letzten Jahre seines Lebens für sie hier sein. Diese Jahre werden auf keinen Fall einfach. Trotz alle Euphorie der Unabhängigkeit. Aber die Freiheit lassen sich die Südsudanesen nicht mehr nehmen.

Von Björn Zimprich

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