Sie haben Javascript deaktiviert. Möglicherweise stehen Ihnen dadurch einige Features nicht zur Verfügung. Bitte aktivieren Sie Javascript.

Subnavigation und Schnelleinstieg

Ihr Kontakt zu missio

Unsere Servicezeiten ,
Mo.-Do. 8-17 Uhr Fr. 8-13 Uhr

Goethestr. 43 , 52064 Aachen

Tel.:
0800 / 38 38 393
Kontaktformular:
zum Kontaktformular
Wir bauen ein Haus für Alle Solidarität mit bedrängten Christen Glauben teilen. Weltweit. Aktion Schutzengel - Für Familien in Not. Weltweit.

Projektauswahl

Filterkriterien
.
missio im Web 2.0: Facebook, Twitter, Google+, Youtube, Instagram, Blog » Twitter » Instagram » Youtube » Blog » Google+ » Facebook

Inhalt

Nahost-Experte Dr. Harald Suermann zur Lage der Christen in der Krisenregion Naher Osten

Dr. Harald Suermann, Direktor des Missions- wissenschaftlichen Instituts (MWI) in Aachen

9. Februar 2011

Herr Dr. Suermann, welche Rolle spielen die Christen bei den Demonstrationen in Ägypten?

Die Christen sind aktiv an der Revolte beteiligt. Sie gehen auf den Tahrir-Platz, um zu demonstrieren. Wenn man mit ihnen spricht, spürt man den Eifer, mit dem sie sich für einen Regimewechsel einsetzen. Es kommt zu gemeinsamen Aktionen, wie es sie seit dem Abschütteln der britischen Mandatsherrschaft nicht mehr gab. Gemeinsame Komitees bewachen die Stadtviertel, am Freitag schützen Christen Moscheen und am Sonntag bewachen Muslime die christlichen Gottesdienste. Erste Anzeichen für das Zusammenrücken der Anhänger beider Religionen gab es schon nach dem Anschlag in Alexandria, der ausländischen Kräften zugeschrieben wurde. Viele in der kirchlichen Hierarchie sind voller Bewunderung für den Mut der Aufständigen und sehen Hoffnungszeichen für einen demokratischen Staat.

Der Anschlag auf die koptisch-orthodoxe Kirche in Alexandria hat weltweit Entsetzen ausgelöst, wie ist das Empfinden der Christen sechs Wochen danach?

Der Anschlag war von Terroristen angekündigt worden. Ihr Ziel war es, gefangene Mitglieder und zwei angeblich zum Islam konvertierte Frauen von Priestern, die in einem Kloster festgehalten wurden, freipressen zu wollen. Mit diesem Anschlag sollte die mit Abstand größte christliche Gruppe in der Region getroffen werden. Sie leidet unter einer immer stärker werdenden Diskriminierung. Islamistische Gruppen verübten in den zurückliegenden Jahren immer wieder Anschläge auf die Christen, so dass auch immer mehr das Land verließen.

Sie sprechen angesichts der Demonstrationen in Kairo von „Hoffnungszeichen für einen demokratischen Staat“, der koptisch-orthodoxe Patriarch aber hat den Forderungen nach einem sofortigen Rücktritt Mubaraks widersprochen?

Der koptisch-orthodoxe Patriarch, Papst Schenuda, fordert das Ende des Aufstands und spricht sich gegen den sofortigen Rücktritt Mubaraks aus. Der Grund liegt wohl darin, dass er in Mubarak den Garanten sieht, dass die Muslimbrüder nicht an die Macht kommen und den befürchteten islamistischen Staat errichten, in dem die Christen noch stärker unterdrückt werden. Viele Bischöfe teilen diese Befürchtung. Solange der Ausgang des Aufstands ungewiss ist, schwanken die Christen zwischen Hoffnung auf einen säkularen und der Angst vor einem islamistischen Staat. Abseits der großen Städte, auf dem Land, scheint das Leben normal weiter zu gehen. Außerhalb des Blickes der Weltöffentlichkeit gibt es aber auch Kräfte, die den Befürchtungen der Christen Nahrung geben. So gab es in diesen Tagen zwei Anschläge auf Kirchen in kleineren Städten.

Dr. Suermann, können Sie die Situation der Christen im Nahen Osten insgesamt beschreiben?

Im Nahen Osten leben insgesamt 14 Millionen Christen in einer Gesamtbevölkerung von 330 Millionen Einwohnern. Der Mittlere Osten ist von blutigen Konflikten geschunden, die unerbittliche Feindschaften und Ressentiments hervorrufen. Kurden, Iraner, Iraker, Palästinenser, Israelis, Libanesen haben furchtbar gelitten und ihre Wunden sind noch nicht geschlossen, geschweige denn geheilt. Meist ist Religion als Hintergrund eines Konfliktes mit einbezogen, um diesen zu ideologisieren und zu konsolidieren. Die politischen Systeme in der Region machen es häufig schwer, ein Leben in Würde und Freiheit zu führen. Diskriminierende Gesetze und Aktivitäten von Fundamentalisten treiben die Christen, aber auch andere zur Auswanderung. Die Herausforderungen ist, ein Aussterben des Christentums im Nahen Osten langfristig abzuwenden, die Christen in ihrer Identität zu stärken und die Gemeinschaft von Kirchen mit neuem Leben zu erfüllen.

missio hat immer wieder auf die schwierige Situation der Christen im Irak hingewiesen, auch hier halten die gewaltsamen Übergriffe an.

Die Christen im Irak sind seit dem Sturz des alten Regimes immer wieder Ziel heftiger Anschläge. Viele sind in den Norden geflohen, der ursprünglichen Heimat der Christen, wo es für sie – abgesehen von der Stadt Mossul – Sicherheit vor Anschlägen, aber kaum ein wirtschaftliches Auskommen gibt. Die Hälfte aller Christen, Schätzungen gehen von 300.000 bis 500.000 aus, hat das Land verlassen und noch kaum Hoffnungen auf eine Rückkehr. Am 31. Oktober letzten Jahres gab es eine Geiselnahme in der syrisch-katholischen Kathedrale von Bagdad, bei der anschließenden Befreiung wurden 52 Gottesdienstbesucher getötet. Solch schreckliche Ereignisse vertreiben die Menschen aus ihrer angestammten Heimat.

Dr. Suermann, wie schätzen Sie die Situation im Libanon ein, auch dort gibt es Umwälzungen?

Im Libanon greift die schiitische Hizbollah-Bewegung nach der Macht – ein Kampf, der zwischen Schiiten und Sunniten ausgetragen wird und in dem die Christen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Noch ist der Libanon für die Christen ein freier Staat, in dem sie nach ihren Vorstellungen und Werten leben können. Kurzfristig wird sich daran nichts ändern, aber je mehr die Hizbollah den Staat kontrolliert und islamisiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Christen eines Tages das gleiche Schicksal als Bürger zweiter Klasse erfahren, wie ihre Glaubensbrüder in den anderen arabischen Staaten. Die Demonstrationen in den anderen arabischen Staaten bewegen die libanesischen Christen wenig. Sie sind mir ihren brisanten Problemen im eigenen Staat beschäftigt.

So unterschiedlich die Lage der Christen in den einzelnen Staaten auch ist, demokratische Staaten, die die Gleichheit und Religionsfreiheit garantieren, sind die Hoffnung der Christen vom Irak bis um Jemen, vom Iran bis nach Marokko.

Das Interview führte Jobst Rüthers.

Download:

Dr. Harald Suermann (JPG, 1.76 MB)
Icon: JPG
© 2009-2017 missio Aachen