Subnavigation und Schnelleinstieg

» Kollektenaufruf und -termine » Bausteine für den Gottesdienst » Afrikatag 2018 » Afrikatag 2017 » Reportage

Ihr Kontakt zu missio

Unsere Servicezeiten ,
Mo.-Do. 8-17 Uhr Fr. 8-13 Uhr

Goethestr. 43 , 52064 Aachen

Tel.:
0800 / 38 38 393
Kontaktformular:
zum Kontaktformular
Wir bauen ein Haus für Alle Solidarität mit bedrängten Christen Glauben teilen. Weltweit. Aktion Schutzengel - Für Familien in Not. Weltweit.

Projektauswahl

Filterkriterien
.
missio im Web 2.0: Facebook, Twitter, Google+, Youtube, Instagram, Blog » Twitter » Instagram » Youtube » Blog » Google+ » Facebook

Inhalt

„Wir sind es ihnen schuldig, ihr Schicksal bekannt zu machen“

Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion © Laurence Chaperon / CDU/CSU-Bundestagsfraktion (CC-BY-SA)

Der evangelische Christ und Politiker Volker Kauder hat in Deutschland das Thema Religionsfreiheit auf die politische Tagesordnung gesetzt. Jetzt hat er dazu ein Buch mit Titel „Verfolgte Christen. Einsatz für die Religionsfreiheit“ herausgegeben. Johannes Seibel vom Internationalen Katholischen Missionswerk Aachen hat dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion dazu Fragen gestellt.

27. November 2012

J. Seibel: Herr Kauder, im zusehends säkularisierten Europa stößt Ihr Buchtitel nicht immer auf Verständnis. Warum verfolgen Sie gleichwohl gegen diese durchschnittliche öffentliche Meinung seit Jahren das Thema Religionsfreiheit so hartnäckig?

Volker Kauder: Der Einsatz für das Menschenrecht der Religionsfreiheit und insbesondere gegen die Benachteiligung und Verfolgung von Christen ist mir ein Herzensanliegen. Dieser Einsatz beruht auf einer persönlichen Überzeugung, für die ich werbe – dass die Tatsachen öffentlich lange keine Beachtung fanden, war mir eher ein Ansporn. Meine Motivation finde ich in der Bibel, hier schöpfe ich meine Kraft und Überzeugung. In meinem Buch „Verfolgte Christen. Einsatz für die Religionsfreiheit“ zitiere ich ein Gleichnis, das der Apostel Paulus nutzt, um der Gemeinde in Korinth die Bedeutung der Solidarität der Christen untereinander zu verdeutlichen: „Wenn eines [ein Glied] leidet, leiden alle anderen mit, und wenn eines geehrt wird, freuen sich alle anderen mit.“ Paulus erinnert uns: „So bildet ihr gemeinsam den Leib von Christus, und jeder Einzelne gehört als ein Teil dazu“ (1. Kor 12, 26f).

Gleichzeitig spielt mein Erleben eine wichtige Rolle. Man spricht davon, dass etwa 100 Millionen Christen benachteiligt und verfolgt werden, weil sie sich zu ihrer Religion bekennen. Viele der Länder, in denen dies stattfindet oder stattfand, wie etwa China, Ägypten, die Türkei oder Indien habe ich selbst besucht. Vor Ort habe ich, wo immer das möglich war, den Kontakt zu Christen gesucht und dabei von erschütternden Umständen erfahren. Eine Überzeugung, die ich oft ins Feld führe, heißt: „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit“. Aber ebenso gilt: „Veränderung beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit.“ Ich bin daher überzeugt, dass Berichte über Bedrängnis und Verfolgung, Benachteiligung und Gewalt auch andere Menschen betroffen machen werden.

J. Seibel: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sich im vergangenen Jahrzehnt auch innerhalb der christlichen Kirchen in Europa erst allmählich ein Bewusstsein für das Thema Religionsfreiheit, bedrängte und verfolgte Christen in aller Welt herausgebildet hat – und scheuen auch den Begriff „Mission“ nicht. Welche Rolle können hier die global agierenden kirchlichen Hilfswerke wie etwa das Internationale Katholische Missionswerk missio spielen?

Volker Kauder: In der Begegnung mit dem Leiden der Anderen, im Mitleiden, wird eine Veränderung angestoßen, eine Erfahrung, die gerade in unserem säkularen 21. Jahrhundert von großer Bedeutung ist. Die Benachteiligten, Bedrängten und Verfolgten brauchen dringend unsere Unterstützung im Gebet, im Öffentlichmachen ihres Leidens, im geistlichen Beistand, aber selbstverständlich auch in materieller Form. Hilfswerke wie missio haben langjährige Erfahrung in der Betreuung und Unterstützung von Hilfsbedürftigen. Diese Erfahrung ist wesentlich für eine zielgenaue und effektive Hilfsleistung.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Jahr 2010, als es erst durch den großen Einsatz von missio zu einer Lösung für die in Syrien gestrandeten christlichen Flüchtlinge aus dem Irak kam. Diese Menschen gehörten und gehören noch immer zu den Hauptleidtragenden des blutigen Bürgerkrieges, der nach dem Ende des Husseins-Regimes begonnen hatte. Viele der irakischen Christen fanden sich an Leib und Leben bedroht, ihre Kirchen wurden gezielt angegriffen. Entführungen und Mordanschläge haben ihr Leben zu einer „Hölle auf Erden“ werden lassen, wie es der Weihbischof von Bagdad, Shlemon Warduni, beschrieben hat. Während der Bischof, den einige Zeitungen als den „mutigsten Gottesmann der Welt“ beschrieben haben, seine Gemeinde im Irak nicht im Stich lassen will, wussten viele der Christen sich nicht anders als durch Flucht zu helfen.

Die beeindruckende Kampagne, die missio damals zu ihrer Unterstützung auflegte, hat vielen Menschen die Augen geöffnet. Für die dauerhafte Aufnahme dieser Flüchtlinge in Deutschland im Rahmen eines Kontingents, eine sehr ungewöhnliche Maßnahme für unser Land, konnten wir so schließlich genügend öffentliche Unterstützung mobilisieren. Sie wäre sonst kaum umzusetzen gewesen.

J. Seibel: Sie schreiben auch: „Es geht nie darum, exklusive Rechte für bestimmte Gruppen zu fordern. Die Religionsfreiheit, die wir einklagen, muss für alle Menschen gelten, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören.“ Was bedeutet das für die Lage der Christen vor allem in muslimisch dominierten Ländern – aktuell mit Blick etwa auf Syrien?

Volker Kauder: Die Lage der Christen in den arabischen Ländern ist infolge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ prekärer als je zuvor. Die Religionsgemeinschaft hat seit der muslimischen Eroberung der einstmals christlich geprägten Länder der Region immer die Nähe zu den Machthabern gesucht. Dies folgt aus der Praxis des Islam, der geduldeten Minderheitsreligionen unter dem Status des Schutzbündnisses „dhimma“ eine Duldung bei reduzierten Rechten zu gewähren.

Nicht zuletzt wegen dieser Nähe haben es Christen nun etwa in Ägypten und Syrien schwer, wo die alten Machthaber abgelöst wurden beziehungsweise ein blutiger Bürgerkrieg tobt. Die Agitation und Gewalt der Straße hat die Überhand, wie sich auch an den Angriffen auf die westlichen Botschaften im Zuge des Streits um das sogenannte „Mohammed-Video“ zeigt. Allerdings zeigt sich auch, dass viele Menschen in der arabischen Welt diese Gewalt zunehmend verurteilen. Ich habe Hoffnung, dass die aufgeheizte Stimmung, die den Extremen dient, im kommenden Jahr zumindest in Ägypten sich allmählich beruhigen wird.

J. Seibel: Was hat dann der „Arabische Frühling“ gebracht?

Volker Kauder: Leider hat der „Arabische Frühling“ die uns überkommen erscheinende Religionsgesetzgebung nicht mit den alten Machthabern hinweggefegt. Der Freiheitsdrang hat sich hier noch nicht durchgesetzt, sodass die Grundlagen für eine dauerhafte und nachhaltige Befreiung aller Ägypter noch nicht gelegt ist. Im Gegenteil, die alten Einschränkungen etwa im Personenstandsrecht, dem faktischen Verbot der Konversion zum Christentum oder die komplizierten Bestimmungen des Baurechts, die einen Neubau von Kirchen sehr erschweren, scheinen immer rigider angewendet zu werden. Die Maskierung der Benachteiligung macht die Tatsache für die Betroffenen noch frustrierender. So hat etwa schon die vergangene ägyptische Regierung alle Schweine in Ägypten, die ausschließlich von Kopten gehalten wurden, unter dem Vorwand der Schweinegrippebekämpfung töten lassen. Mit gravierenden Folgen gerade für arme Kopten, für die die Schweinehaltung ein wichtiger Beitrag zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes war. Eine tatsächliche Gleichberechtigung der Religionen kann ich nicht erkennen. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die auch Ägypten mit seinem Beitritt zur Völkergemeinschaft der Vereinten Nationen anerkannt hat.

Dass die Lage in Syrien weitere Facetten aufweist, steht außer Frage. Fest steht, dass das Assad-Regime mit großer Brutalität gegen das eigene Volk vorgeht. Eindeutig belegt ist aber mittlerweile auch, dass die Rebellen ebenfalls Kriegs- und Völkerrecht brechen und durch aus dem Ausland einsickernde religiöse Extremisten unterstützt werden, die offenbar zunehmend Christen angreifen. Die christliche Minderheit versucht schon lange, sich neutral aus einem Konflikt herauszuhalten, der nicht zuletzt eine Auseinandersetzung unterschiedlicher islamischer Richtungen ist. Leider gelingt dies nicht. Uns erreichen zunehmend Berichte von flüchtenden Christen, die gezielt nach Westeuropa zu kommen versuchen. Sie verkaufen ihre Habe, um Schlepper bezahlen zu können, die sie außer Landes bringen. All dies weckt beunruhigende Erinnerungen an den irakischen Bürgerkrieg und seine Folgen. Es erscheint nicht mehr undenkbar, dass im Zuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen eine der traditionsreichsten christlichen Minderheiten des Nahen Ostens vertrieben wird.

J. Seibel: Für Sie ist nicht allein die Politik das Instrument, mit dem sich internationale christliche Solidarität und gemeinsamer Einsatz aller Christen weltweit für das Anliegen der Religionsfreiheit als universales Menschenrecht praktizieren lässt, sondern die Spiritualität, der Glaube selbst. Können Sie das an einem oder zwei Beispielen erläutern?

Volker Kauder: Ohne den Glauben, ohne das Gebet und die Fürbitte fehlt dem Einsatz für bedrängte und verfolgte Christen aus meiner Sicht etwas Entscheidendes. Die Spiritualität beschreibt eine ganz persönliche Form des Einsatzes gegen Unrecht und Leiden, die geteilt und mitgeteilt werden kann. Selten habe ich die Kraft des Gebets so deutlich erleben dürfen wie auf den Konferenzen der Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg in Thüringen. Diese Veranstaltungen, die seit über 100 Jahren im Jahresrhythmus wiederkehren, sind Kraftquellen für mich. Gleichzeitig mobilisieren sie viele engagierte Menschen.

Wohin dieses im Gebet entzündete Engagement führen kann, zeigt mir der Fall des wegen seiner Konversion zum Christentum zum Tode verurteilten iranischen Pastors Youcef Nadarkhani. Tausende von Menschen weltweit, auch in Deutschland, haben in Fürbitten, auf Mahnwachen und Demonstrationen, mit Petitionen und Eingaben daran erinnert, dass dieser mutige und glaubensfeste Mann nicht alleine stand. Ihr Einsatz hat selbst den iranischen Staat beeindruckt. Pastor Nadarkhani ist seit September 2012, nach dreijähriger Haft und einer langen Zeit in der Todeszelle, endlich wieder in Freiheit.

J. Seibel: Herr Kauder, wie wichtig ist es, sich selbst der persönlichen Begegnung mit Christen weltweit, die unter Diskriminierung, Bedrängnis oder gar Verfolgung leiden, auszusetzen? Was heißt das für den eigenen Glauben?

Volker Kauder: Die Begegnungen mit vielen betroffenen Christen in und aus Ländern, in denen sie unter Verfolgung zu leiden haben, haben mich tief bewegt. Gleiches gilt für die vielen Gespräche im Rahmen unseres Kongresses im Jahr 2011. Einige Begegnungen schildere ich in meinem Buch, so etwa mit dem Bagdader Bischof Warduni, mit Schwester Thérèse Moussalem aus Damaskus, dem nigerianischen Monsignore Obiora Ike oder dem mittlerweile verstorbenen koptischen Papst Schenuda III. Von Würdenträgern bis zu den einfachen armen christlichen Bauern im indischen Bundesstaat Orissa sind sie alle machtvolle Zeugen im Glauben. Sie haben ihren Glauben bewahrt, obwohl er ihnen in vielen Fällen den Tod hätte bedeuten können und vielfach Nachteile brachte. Ihr bedächtiges Eintreten für ein friedliches Zusammenleben in religiöser Toleranz verdient höchsten Respekt. Wir sind es ihnen schuldig, ihr Schicksal bekannt zu machen und dazu beizutragen, dass ihnen endlich die Freiheit ermöglicht wird, ihren Glauben angstfrei zu leben.

© 2009-2017 missio Aachen