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Vor zwei Jahren wurde selbst die Kirche des Klosters von Pater Jens Petzold in Suleymania mit Stoffbahnen in kleine Parzellen unterteilt, um die rund 200 Flüchtlinge aufzunehmen. Die Enge führte zu Stress.
Vor zwei Jahren wurde die Klosterkirche in Suleymania mit Stoffbahnen in kleine Parzellen unterteilt, um die rund 200 Flüchtlinge aufzunehmen.© Andy Spyra / missio
  • 12. Mai 2016

    Das christliche Kloster - und missio-Partner - der Gemeinschaft Mar Musa hat im nord-irakischen Suleymania vor zwei Jahren rund 200 Flüchtlinge aufgenommen, die von den Terrormilizen des „Islamischen Staates“ vertrieben wurden. Sie lebten zuerst im Kloster selbst, jetzt konnten sie ein Containerdorf und Wohnungen in der Nähe des Klosters beziehen, um einen geregelten Alltag zu bekommen, der nicht durch eine zu große Enge gestresst ist. Mitfinanziert ist das Projekt von Pater Jens Petzold durch das katholische Hilfswerk missio Aachen.

    Prälat Klaus Krämer, Präsident von missio Aachen, hat jetzt Pater Jens, das Kloster, das Containerdorf und die Wohnungen besucht. So möchte missio an diesem Beispiel seine Solidarität mit seinen kirchlichen Partnern im Nahen und Mittleren Osten, Afrika und Asien ausdrücken, die 95 Prozent der weltweit rund 60 Millionen Flüchtlinge betreuen, von denen lediglich fünf Prozent nach Europa kommen. Und missio möchte zweitens dokumentieren, wie wirkungsvoll die Flüchtlingsarbeit seiner Partner in kleinen Schritten sein kann. Uns geht es nicht um Elendsbilder, sondern darum, wie konkret vor Ort durch viele kleine Initiativen die Verhältnisse sich bessern können.

Rund 100 der 200 Flüchtlinge haben jetzt eigene Wohncontainer, wo sie auch ihre Privatsphäre haben. Hier ist die große Halle innerhalb der neuen Containersiedlung zu sehen, in der Container für verschiedene Versorgungseinrichtungen untergebracht sind.
Rund 100 der 200 Flüchtlinge haben jetzt eigene Wohncontainer, wo sie auch ihre Privatsphäre haben. Hier die große Halle innerhalb der neuen Containersiedlung.© Dirk Planert / missio

Wie 200 Flüchtlinge zwei Jahre in einem nord-irakischen Kloster überleben

missio-Präsident Prälat Krämer besucht Projekt in Suleymania: „Unsere kirchlichen Partner im Nahen und Mittleren Osten tragen die Hauptlast der weltweiten Flüchtlingskrise.“

Etwa einen Meter groß ist das schwarze Kreuz auf der weiß lackierten Stahltür, die in den Hof des Klosters in der Altstadt von Suleymania im kurdischen Norden des Iraks führt. Mehrere kurdische Peschmerga stehen gelangweilt davor. Sie tragen Kalaschnikows und Tarnkleidung. Gekämpft wird hier nicht. Die muslimischen Peschmerga stehen vor der Tür, um 180 christliche Flüchtlinge, die hier leben, vor Terroranschlägen zu schützen. Das Kloster gehört zur syrisch-katholischen Gemeinschaft Mar Musa. Hausherr ist der gebürtige Deutsche Jens Petzold. Der Ordensmann ist eine Hüne, sein Lächeln genauso einnehmend wie seine Statur.

200 Flüchtlinge im Nordirak wussten nicht, wohin: Pater Jens nahm sie einfach im Kloster auf

Das Kloster sollte eigentlich – auch mit Mitteln des Internationalen Katholischen Missionswerkes missio Aachen - ein Dialogzentrum werden für den Austausch zwischen Muslimen und Christen, für Toleranz und Verständnis. Doch vor fast zwei Jahren kam ein Telefonanruf dazwischen. Es war eine Frau aus dem rund drei Autostunden entfernten Qaraqosh, einer hauptsächlich von Christen bewohnten Stadt. Die Anruferin hatte gut 200 Menschen bei sich - und die Menschen wussten nicht wohin. Qaraqosh war tags zuvor gefallen. Die Terrormiliz des sogenannten „Islamischen Staates“ hatte am Nachmittag mit Mörsergranaten angegriffen, dann folgten Soldaten. Die Bewohner flohen Richtung Erbil und strandeten im Nichts. Pater Jens Petzold sagte der Anruferin damals nur eines: „Ihr könnt kommen!“

Rund 80 Flüchtlinge sind in neu errichteten Wohnungen nach dem Kloster von Pater Jens Petzold untergebraucht. Die Kinder genießen die neue Freiheit.
Rund 80 Flüchtlinge sind in neu errichteten Wohnungen des Klosters von Pater Jens Petzold untergebraucht. Die Kinder genießen die neue Freiheit.© Dirk Planert / missio

Seitdem leben die Menschen aus Qaraqosh bei Pater Jens. Zuerst in der Kirche, in den Fluren, im Salon, in der Bibliothek - überall im Kloster. Den Familien wurden winzige Parzellen zugeteilt, die durch Stoffbahnen abgetrennt waren. Auf so engem Raum gerieten die Flüchtlinge unter Stress. Pater Jens suchte eine Lösung. Nun leben seit einigen Wochen rund 100 Flüchtlinge in Containern nahe dem Kloster, für die anderen 80 wurden Wohnungen angemietet. „Der Lagerkoller ist jetzt zum Glück beendet“, sagt Pater Jens. Dies habe er sofort an den Gesichtern der Menschen gesehen, als die Familien ihre eigenen Räume bezogen.

missio-Präsident Prälat Krämer besucht die Flüchtlinge: „Menschliche Tragödie“

„Pater Jens ist gut zu uns, er hat uns alles gegeben, was wir brauchen“, sagt Julian. Der 21-Jährige sitzt in einem karg eingerichteten Raum und sieht zu dem Mann herüber, der im Türrahmen steht. Es ist Prälat Klaus Krämer, Präsident von missio Aachen. Er besucht das Projekt von Pater Jens, das auch missio Aachen unterstützt, und möchte mit Pater Jens ausloten, welche Projekte für die Flüchtlinge missio noch unterstützen kann. „Die persönlichen Schicksale, die ich hier erlebe, sind deprimierend. Das Menschen, die vor der Vertreibung ja ein gutes Leben führen konnten, müssen sich hier jetzt auf neun Quadratmetern einrichten, das ist schon eine menschliche Tragödie“, beschreibt Prälat Krämer die Eindrücke des Tages. „Von den rund 60 Millionen Flüchtlinge weltweit kommen ja nur rund fünf Prozent nach Europa, die anderen Flüchtlinge müssen im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und Asien versorgt werden“, so Prälat Krämer weiter. „Unsere kirchlichen Partner wie Pater Jens leisten hier Erstaunliches, sie tragen die Hauptlast der weltweiten Flüchtlingskrise, das darf angesichts der Debatten in Europa um die Flüchtlinge nicht vergessen werden, darauf machen wir immer wieder aufmerksam“, sagte der missio-Präsident.

Pater Jens baut in Suleymania ein neues Gemeindezentrum für die christlichen Flüchtlinge. Dort sollen die Jugendliche unter anderem eine Berufsausbildung erhalten.
Pater Jens baut in Suleymania ein neues Gemeindezentrum für christliche Flüchtlinge. Dort sollen die Jugendliche unter anderem eine Berufsausbildung erhalten.© Dirk Planert / missio

Prälat Krämer und Pater Jens gehen von einem Container in den nächsten, immer umringt von Kindern, die dem Priester auf Schritt und Tritt folgen. „Wir können die Kinder nicht immer in diesem kleinen Quartier einfach nur so spielen und umher laufen lassen, wir müssen spätestens alle zwei Tage Programm mit ihnen machen - sonst machen die etwas mit uns“, lacht Pater Jens. Mit den Eltern habe er die Vereinbarung getroffen, dass alle Kinder in die Schule gehen müssen. Es gibt ein kleines improvisiertes Theater in dem Containerdorf, und, „wir gehen auch schon mal ins Kino“, so Pater Jens. Demnächst steht „Supermann“ auf dem Spielplan. Pater Jens verhehlt nicht, dass diese Form der Freizeitgestaltung nicht allein den Kindern Spaß macht.

Mit missio-Hilfe entsteht ein Zentrum für die neue Gemeinde aus Flüchtlingen

Oberhalb der Kirche steht ein Rohbau, der Ende des Jahres fertiggestellt sein soll. Jens Petzold klettert mit seinem Gast aus Aachen über einen ein Meter hohen Vorsprung hinein. „Hier entsteht unser neues Gemeindehaus. Das ist wichtig, weil durch die Flüchtlinge viel mehr Christen hier sind“, sagt Pater Jens. Das Gebäude soll Zentrum der Gemeindearbeit werden. Gleichzeitig sollen junge Flüchtlinge hier eine Berufsausbildung bekommen, damit sie eine Perspektive erhalten. missio finanziert das neue Gemeindezentrum mit.

Pater Jens und Prälat Krämer treffen sich am Abend zum gemeinsamen Gottesdienst mit den Flüchtlingen im Kloster. Danach wird über die Zukunft gesprochen. Die beiden verbindet der Glaube und die Vision, auch das ursprünglich geplante Zentrum für den Dialog zwischen Christen und Muslimen doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. „Dialog gehört zur Mission unbedingt dazu“, sagt Krämer. „Wir wollen verstehen. Es ist viel Leid über die Menschen gekommen und es ist wichtig zu zeigen, dass die friedensstiftende Kraft der Religionen die stärkere Kraft ist, die es zu festigen gilt“, glaubt Prälat Krämer. Pater Jens nickt.

Zahl der Flüchtlinge weltweit so hoch wie nie zuvor

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