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„Wir sind keine Minderheit“

13. September 2012

Die Christen in der arabischen Welt nicht allein aus einer Art Opferperspektive der bedrohten Minderheit zu betrachten, weil das zu ihrer Marginalisierung beitragen kann – dafür plädiert vor der Reise von Papst Benedikt XVI. am morgigen Freitag, 14. September 2012, der libanesische Priester, Theologe und maronitische Christ Fadi Daou im Gespräch mit missio.

Herr Fadi Daou, Papst Benedikt XVI. kommt am morgigen Freitag (14. September) in den Libanon. Fühlt sich das Land ermutigt?

Fadi Daou: Die größte Erwartung an Papst Benedikt XVI. ist, dass er die Rolle des Libanons als eine Art Rollenmodell einer christlich-muslimischen Koexistenz bestätigt, so wie es Papst Johannes Paul II. während seines erfolgreichen Besuches im Libanon 1997 getan hatte. Deshalb engagieren sich auch so viele christliche wie muslimische Organisationen, religiöse Führer und Politiker bei den Vorbereitungen. Das ist so wichtig, weil diese christlich-muslimische Koexistenz durch die aktuelle politische Situation im Nahen Osten und der Region rund um den Libanon brüchiger wird. Der Besuch von Papst Benedikt XVI. soll den Glauben der Menschen an die Möglichkeit der christlich-muslimischen Koexistenz im Libanon stärken. In diesem Zusammenhang will ich noch auf ein Risiko hinweisen, dass ich derzeit wachsen sehe: nämlich die christlichen Kirchen im Libanon oder der arabischen Welt als eine Minderheit darzustellen.

Warum soll es ein Risiko sein, die Christen im Nahen Osten als Minderheit zu bezeichnen?

Fadi Daou: Sicher, von den zahlenmäßigen Bevölkerungsanteilen in diesen Gesellschaften her betrachtet, sind Christen eine Minderheit. Wenn man allerdings ihre strategische Bedeutung in der Region in den Blick nimmt, dann würde ich sagen, dass weder die Muslime noch die Christen ein Interesse daran haben können, Christen als bloße Minderheit darzustellen. Denn diese Sichtweise und Wortwahl legt auf indirekte Art doch nur nahe, dass die Christen im Nahen Osten keinerlei Rolle mehr spielen können und ein bloßes, vernachlässigenswertes Randphänomen seien. Das darf aber nicht der Fall sein. Deshalb sind die Menschen im Libanon und Nahen Osten sehr gespannt, wie Papst Benedikt XVI. die Rolle der Christen und ihren Status in der arabischen Welt definiert – oder ob es gegenüber den orientalischen Kirchen eine strategische Kursänderung des Vatikans gibt.

Fadi Daou, maronitischer Priester aus dem Libanon.
Fadi Daou, maronitischer Priester aus dem Libanon. © Andreas Herrmann / missio

Was kann die katholische Kirche in Europa tun, damit die Christen und ihre Rolle im Nahen Osten eben nicht als bedeutungslos wahrgenommen wird?

Fadi Daou: Zuerst sollte uns die Kirche im Westen helfen, nicht in eine Art Opfermentalität zu verfallen und uns allein aus der Perspektive einer bedrohten Gemeinschaft zu definieren, der die Kirche im Westen helfen muss, um zu überleben. Den Fokus allein auf das Überleben der Christen im Nahen Osten zu richten, ist meiner Meinung nach die schlechteste Strategie überhaupt für uns, weil es im Gegenteil, um es drastisch auszudrücken, den Tod der Christenheit im Mittleren und Nahen Osten forcieren würde.

Was erwarten die Christen im Nahen Osten stattdessen von der Kirche im Westen?

Fadi Daou: Es sollte mehr eine Art Ideenaustausch darüber stattfinden, wie sich das Verhältnis von Christentum und Demokratie im Westen entwickelt und etabliert hat, damit wir solche Ideen auch in unsere Gesellschaften einbringen und von daher unsere Rolle im Nahen Osten definieren können. Das kann uns Christen der orientalischen Kirchen helfen, uns von der Doppeldeutigkeit und Wechselhaftigkeit zu befreien, in denen wir mit Blick auf das Verhältnis von Politik und Religion im vergangenen 20. Jahrhundert gelebt haben. Ich glaube, dass die Christen im Mittleren und Nahen Osten mehr dafür tun müssen, dass sich in diesen Ländern tatsächlich demokratische Strukturen ausbilden. Das erwarten auch manche Muslime von uns, ich höre das aktuell in vielen Gesprächen mit Muslimen aus Syrien. Mit Blick beispielsweise auf Ägypten oder Syrien erscheint das derzeit natürlich noch in weiter Ferne. Aber wir müssen gerade in Syrien auf den Tag vorbereitet sein, wenn ein neues Syrien entsteht, dem mehr und mehr Spaltungen drohen. Hier für Versöhnung und Einheit zu sorgen, das wird eine große Herausforderung. Das geht nicht sofort und ist sehr schwierig. Aber genau hier liegt die Chance für die Christen im Nahen Osten, eine führende Rolle beim Prozess der Demokratisierung, der Versöhnung und des Friedenmachens zu übernehmen. Ich denke, wir befinden uns in der arabischen Welt an einem historischen Wendepunkt. Wenn wir Christen im Nahen und Mittleren Osten an der Aufgabe scheitern, beim Aufbau neuer, lebendiger Gesellschaften führend mit dabei zu sein, dann wird das eine letzte Chance gewesen sein

Was bedeutet dann der sogenannte arabische Frühling für die Christen in der arabischen Welt?

Fadi Daou: Dieser arabische Frühling gilt ja als der Beginn eines demokratischen Prozesses, ob er das auch tatsächlich ist und dann zu mehr Demokratien in dieser Region führt, da bin ich mir noch nicht so sicher. Die arabische Welt erlebt hier wie gesagt einen historischen Umbruch, da die bisherigen Regime alle mehr und minder undemokratisch waren. Aber diese Regime konnten den Christen bisher Sicherheit und eine friedliche Existenz um den Preis bieten, dass sie im politischen Leben marginalisiert waren. Die neuen oder kommenden Regierungen in der arabischen Welt beteuern nun, den Weg der Demokratie gehen zu wollen. Sie müssen sich in Zukunft nun vor allem daran messen lassen, inwieweit alle Gruppen und Bürger am politischen Prozess partizipieren können und gleich behandelt werden – und ob das eben auch für die Christen gilt. Beispiel: Derzeit schauen alle auf die Entwicklung in Ägypten. Die Muslimbrüder sind an der Macht. Trotz mancher positiver Signale haben sie sich aber noch nicht klar dazu bekannt, dass sich alle in Ägypten gleichberechtigt am politischen Leben beteiligen können und sollen. Ihr Begriff des politischen Bürgers ist noch nicht klar. Dieser Begriff muss aber weit sein.

Die Fragen stellte Johannes Seibel.

Info: Der maronitische Christ Fadi Daou ist Priester und Professor für Fundamentaltheologie und Politische Philosophie. Er ist zusammen mit anderen christlichen und muslimischen Persönlichkeiten Gründungsmitglied und Geschäftsführer der Adyan Stiftung mit Sitz in Beirut, Libanon. Diese Stiftung widmet sich dem interreligiösen, vor allem dem christlich-muslimischen Dialog und fördert Forschung, Bildungsprogramme und Kulturaustausch im Bereich der interreligiösen und ökumenischen Glaubensspiritualität. Fadi Daou ist auch durch das Internationale Katholische Missionswerk missio Aachen und dessen Missionswissenschaftliches Institut (MWI) gefördert worden.

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