Herr Bischof Medhin, wie ist die aktuelle Situation in Tigray?
Angespannt. Die Menschen haben Angst vor neuer Gewalt. Die Straßen in die Hauptstadt Addis Abeba und in andere Regionen sind unsicher. Wir fühlen uns wie unter Belagerung.
Wird der Frieden halten?
Absolute Voraussetzung ist die Umsetzung des Friedensabkommens mit dem Rückzug aller Milizen und ausländischer Truppen, so dass die Binnenflüchtlinge – in Tigray fast eine Million – in ihre Dörfer zurückkehren können. Diese Menschen sind schwer traumatisiert, ihre Lage ist dramatisch, und humanitäre Hilfe gibt es kaum.
Sie sind im Krieg in Adigrat geblieben. Sind Sie ein Vorbild für Ihre Gläubigen?
Nicht nur für sie, für die gesamte Bevölkerung. Wir sind durch die Hölle gegangen. Eritreische Soldaten haben mich aus der Messe gezerrt und bedroht. Ich war Zielscheibe Nummer eins, weil ich Berichte darüber verschickt habe, was hier passiert ist. Es herrschte eine totale Kommunikationssperre. Wir Katholiken stellen ein Prozent der Bevölkerung. Aber unser Ansehen ist enorm – weil wir geblieben sind und denen zur Seite stehen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt ist unser oberstes Ziel Heilung. Anders können wir nicht weiterleben.
Interview: Beatrix Gramlich