Tobias Niedenthal ist Pharmazie-Historiker und Leiter der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg. Für kontinente schrieb er einen Kommentar über Klostermedizin, die Heilkraft der Pflanzen und das Erbe von Hildegard von Bingen.
Im Früh- und Hochmittelalter gab es neben wenigen tierischen und mineralischen Drogen nur Heilpflanzen. Man erwartete von ihnen das, was wir uns heute noch von Medikamenten wünschen: Linderung bei Husten, Fieber, Magen- und Hautproblemen, eine Stärkung der Kräfte. Klöster bewahrten spätantike Sammelwerke auf, passten sie an und gaben dieses Wissen oft anonym weiter – das nennen wir rückblickend „Klostermedizin“.
Wirkung in Studien bestätigt
Heute sind pflanzliche Arzneimittel regulierte Medikamente mit geprüfter Qualität und Dosierung. Gerade bei alltäglichen Beschwerden der Atem- und Harnwege, des Verdauungstrakts, der Haut und bei leichten seelischen Verstimmungen können sie ähnlich gut abschneiden wie synthetische Präparate – oft mit weniger Nebenwirkungen. Viele moderne Wirkstoffe sind zudem aus Naturstoffen entwickelt worden, und nicht wenige traditionelle Pflanzen-Anwendungen wurden inzwischen in Studien bestätigt; andere mussten korrigiert oder verworfen werden.
Beim Stichwort Klostermedizin denken wir zuerst an Hildegard von Bingen. Ihre naturkundlichen und medizinischen Texte sind jedoch von ihrem visionären Werk zu unterscheiden. Ein Teil der medizinischen Anweisungen wurde anonym im sogenannten Speyrer Kräuterbuch weitergegeben und gelangte so in frühe gedruckte Kräuterbücher. Dass wir heute noch Ringelblumensalbe bei Wunden einsetzen oder Lavendelsäckchen gegen Ungeziefer ins Schrankfach legen, ohne an Hildegard zu denken, zeigt, wie weit dieses Erbe in den Alltag hineinreicht.