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Wir werden nicht länger schweigen!
Ordensfrauen kämpfen gegen Missbrauch

Mit Ordensfrauen kämpft missio gegen sexuellen Missbrauch hinter Klostermauern.

von Antje Brandenburg

„Ich könnte aus dem Orden geworfen werden. Und sie werden versuchen, euch zum Schweigen zu bringen“, warnt Schwester Jacinta Ondeng, eine Schulschwester von Notre Dame. Sie lehrt an der Tangaza Universität in Kenia und spricht bei einer von missio organisierten internationalen Konferenz in Aachen über ein Tabu: Missbrauch von Ordensfrauen. In der Runde sitzen Psychologinnen, Direktorinnen, Professorinnen und Ordensoberinnen – alle mit Einfluss in der Kirche. Dennoch sind sie vorsichtig. Denn sie wagen sich mit einem heiklen Thema in die Öffentlichkeit.

Sie sprechen bei der Weltsynode in Rom und mit dem Papst, schreiben Bücher, lehren an katholischen Universitäten und sind Hoffnungsträgerinnen für viele andere. Unermüdlich prangern Frauen wie Schwester Jacinta an, was weitgehend unbeachtet weltweit geschieht: Schwestern werden von Priestern sexuell missbraucht, manche über Jahre wie Sex-Sklavinnen gehalten, zu Abtreibungen und zum Schweigen gezwungen. Die Täter wissen, dass sie Macht haben, und nutzen sie aus – nicht nur sexuell, auch spirituell und wirtschaftlich. Oft waschen, putzen und kochen Ordensfrauen für einen Priester, ohne dafür bezahlt zu werden. Es herrscht die Ansicht, über eine Schwester nach Belieben verfügen zu können.

Priesterbild überprüfen

Ein zentrales Problem ist dabei die hierarchische Struktur innerhalb der Kirche. Denn Ordensgemeinschaften sind oft finanziell abhängig von Klerikern. Das macht die Schwestern leicht zu Opfern, besonders in Ländern, in denen nicht über Sexualität gesprochen wird und religiöse Würdenträger nicht kritisiert werden dürfen.

Dazu kommt: In Gesellschaften, wo Frauen von klein auf lernen, sich Männern unterzuordnen, fehlen für die Opfer häufig Rechtsstrukturen, um Täter vor Gericht zu bringen. Viele Schwestern fürchten zudem, von ihren Orden und Familien ausgeschlossen zu werden, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Dann stünden sie vor dem Nichts. Denn als alleinlebende Frau ohne Berufsausbildung genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, ist nahezu unmöglich. Doch der Preis für ihr Schweigen ist hoch: Sie leiden unter Schuldgefühlen, zweifeln an ihrer Berufung oder haben Suizidgedanken. Eine Umfrage im Auftrag von missio mit rund 100 Teilnehmerinnen aus Afrika, Asien und Ozeanien machte im Jahr 2019 deutlich, dass das Thema in den Projektländern ein großes Problem darstellt.

Ein Porträt einer lächelnden Frau mit langen, dunklen Haaren und einem warmen Lächeln steht vor einem neutralen Hintergrund. Sie trägt einen beigefarbenen Pullover über einer hellen Bluse und eine graue Stola. Ihr Ausdruck vermittelt Freude und Offenheit.
Schwester Maria Nirmalini, Vorsitzende der indischen Ordensoberinnenkonferenz
Ein Lächeln einer Frau mit kurzen, schwarzen, lockigen Haaren, die eine dunkelblaue Jacke trägt und Brillen aufhat. Sie steht vor einem neutralen, hellen Hintergrund. Ihr Gesichtsausdruck strahlt Freundlichkeit und Offenheit aus.
Schwester Jacinta Ondeng, Tangaza Universität Kenia

Mut zur Veränderung

So entwickelte das Aachener Hilfswerk Konzepte zum Schutz von Ordensfrauen, organisiert Pressekonferenzen und Tagungen, bei denen sich Schwestern austauschen können, und finanziert Zufluchtszentren. Besonders für das Thema sensibilisieren sollen weltweite Schulungen – und zwar nicht nur Ordensfrauen, sondern auch Priester. „Sie lernen, Missbrauch zu erkennen und aktiv zu werden. In den Frauenorden ist es vor allem wichtig, den Betroffenen zu glauben“, sagt Johanna Streit, bei missio zuständig für Missbrauchsprävention.

Die Vorsitzende der indischen Ordensoberinnenkonferenz, Schwester Maria Nirmalini, berichtet, dass sie ein Experten-Team mit Rechts- und psychologischen Beratern gebildet habe. An sie können sich betroffene Ordensfrauen wenden. Für Schwester Maria steht fest: „Diese ganze Idee des Klerikalismus: ‚Ich agiere aus einer übergeordneten Position, und du als Frau – du bist keine Priesterin, also stehst du unter uns‘, das muss aufhören.“ Viel hänge auch davon ab, ob Bischöfe sich dafür öffneten, Frauenorden auf dem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu unterstützen. Denn das mache die Schwestern weniger verletzlich, fügt Johanna Streit hinzu.

Ein Etappensieg ist bereits erreicht: Führende Vertreterinnen von Frauenorden waren Anfang August 2025 zur Generalversammlung aller afrikanischen Bischofskonferenzen in Ruanda eingeladen, um ihre Anliegen vorzutragen. „Dafür machen wir die Frauen stark. Wir stehen als Hilfswerk hinter ihnen, und das hat Einfluss auf Kirchenvertreter. Darüber hinaus lernen die Ordensfrauen Führungsqualitäten und Finanzen zu managen. Das sind wichtige Qualitäten für ihre Unabhängigkeit“, so Streit.

Vor den Ordensfrauen liegt noch ein weiter Weg. Aber sie knüpfen Netzwerke, um ihre Anliegen offensiv zu vertreten und Kirchenstrukturen zu verändern, weil sie ihren Glauben und ihre Berufung lieben. Schwester Maria ist motiviert: „Wir können nicht einfach dasitzen und klagen, dass die Kirche nichts tut. Wir müssen die Initiative ergreifen. Und das können wir.“

 

Erfahren Sie hier, wie missio Ordensfrauen weltweit unterstützt