Interview mit Schwester Mercy
Schwester Mercy, Sie haben mehrere Jahre im Südsudan gearbeitet. Warum ist die Arbeit der Ordensschwestern dort so wichtig?
Sr. Mercy: Der Südsudan ist geprägt von Krieg, Flucht und Traumata. Staatliche Strukturen greifen oft nicht. Ordensschwestern sind für viele Menschen die einzige verlässliche Unterstützung, sei es in der Gesundheitsversorgung, in der psychosozialen Begleitung oder in der Bildungsarbeit. Sie geben Halt und bleiben, auch wenn andere Strukturen zusammenbrechen.
Was leisten die Schwestern konkret im Alltag?
Sr. Mercy: Sie arbeiten mit traumatisierten Menschen, begleiten Kinder und Jugendliche und sorgen für Bildung im umfassenden Sinn. Nicht nur Schule, sondern Lebensbegleitung. Gerade in Flüchtlingslagern sind sie oft ein sichtbares Zeichen von Hoffnung und Stabilität.
Der Afrikatag 2026 widmet sich den Sacred-Heart-Schwestern aus Juba. Was verbindet Sie mit ihnen?
Sr. Mercy: Ich kenne ihr Mutterhaus gut. Wir haben im Rahmen von „Solidarity with South Sudan“ eng zusammengearbeitet. Diese Schwestern leisten enorm viel mit sehr begrenzten Mitteln. Deshalb freut es mich besonders, dass ihre Arbeit unterstützt wird, vor allem im Bereich Ausbildung.
Warum ist Ausbildung so zentral?
Sr. Mercy: Nur gut ausgebildete Schwestern können junge Menschen wirklich stärken. Ausbildung bedeutet fachliche Kompetenz, aber auch innere Stabilität. Wer selbst Halt hat, kann anderen Halt geben. Das ist in einem Land, in dem fast jeder von Gewalt betroffen ist, entscheidend.
Menschen befähigen statt Abhängigkeiten schaffen
Sie haben selbst Peer Counselling aufgebaut. Was war Ihr Ziel?
Sr. Mercy: Menschen zu befähigen, sich gegenseitig zu unterstützen. Ich habe in der Diözese Yei Trainings in Traumaarbeit durchgeführt, für Lehrkräfte, kirchliche Mitarbeitende und junge Erwachsene. Unser Ziel war, Traumata zu bearbeiten und Zukunft zu ermöglichen.
Wie haben die Jugendlichen darauf reagiert?
Sr. Mercy: Viele sagten klar: „Wir haben genug vom Krieg. Wir wollen keinen Krieg mehr.“ Das zeigt, wie groß der Wunsch nach Frieden ist, wenn junge Menschen ernst genommen und gestärkt werden.
Helfende stehen unter enormem Druck. Wie sind Sie damit umgegangen?
Sr. Mercy: In der Traumaarbeit erleben viele sekundäres oder tertiäres Trauma. Deshalb muss Ausbildung auch Supervision, Pausen und Selbstfürsorge beinhalten. Ohne diese Elemente brennen Menschen aus.
Wie leben lokale Ordensgemeinschaften im Südsudan?
Sr. Mercy: Viele leben mit sehr wenig. Rund 40 bis 45 Prozent der Schwestern arbeiten ohne feste Bezahlung in sozialen und pastoralen Bereichen. Wer fliehen muss, verliert oft alles. Das macht langfristige Unterstützung so wichtig.
Empowerment statt dauerhafter Hilfe
Was bedeutet Empowerment für Sie konkret?
Sr. Mercy: Ausbildung, die Selbstständigkeit ermöglicht. Projekte, die Frauen stärken, Einkommen sichern und Abhängigkeit vermeiden. Wer Fähigkeiten erlernt, kehrt gestärkt in die Gemeinschaft zurück und kann selbst Verantwortung übernehmen.
Haben Sie ein Beispiel für nachhaltige Wirkung?
Sr. Mercy: Aus einer kleinen Sonntagsschule mit fünf Kindern wurde eine große Gruppe. Die Kinder bauten später ihre eigene Halle. Einige wurden selbst Peer-Counselling-Trainees und übernahmen Verantwortung. Das zeigt, wie stark Ausbildung wirkt.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?
Sr. Mercy: Alle kirchlichen Mitarbeitenden brauchen Unterstützung, nicht nur Schwestern, auch Priester und Katechisten. Gerade die Katechisten halten die Kirche unter extremen Bedingungen lebendig und geben den Glauben weiter.
Interview: Katja Heidemanns