Interview mit Ricardo Rezende Figueira
Der 73-Jährige ist Professor für Menschenrechte an der Universität von Rio de Janeiro und Priester. Er gilt als einer der führenden Experten zu Sklavenarbeit weltweit.
Professor Rezende, Brasilien gilt international als Vorreiter im Kampf gegen moderne Sklaverei. Zieht der Rest der Welt jetzt langsam nach?
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in den 2000er-Jahren zum Beispiel Frankreich, Griechenland und Großbritannien wegen des Einsatzes von Sklavenarbeit verurteilt. Aber Rechte fallen nicht vom Himmel. Man muss sie sich erstreiten. Doch genauso, wie man sie sich erstreiten kann, kann man sie auch wieder verlieren. Wir müssen also ständig wachsam bleiben.
Wo sehen Sie Rückschritte?
Zum Beispiel im Taxisystem „Uber“. Die „Uberisierung“ ist ein Arbeitssystem, das geradewegs an das 16. Jahrhundert anknüpft: Man arbeitet selbstständig, manchmal von zu Hause aus wie viele Näherinnen. Oft ist das jedoch eine sehr anstrengende, entwürdigende Arbeit. Man bekommt kein festes Gehalt, keinen Urlaub, kein Weihnachtsgeld und hat keinen sozialen Schutz.
Also wird auch nach der Abschaffung der Sklaverei noch ausgebeutet …
Die menschliche Geschichte ist überwiegend keine Geschichte der Freiheit, sondern der Sklaverei. Das ist das erste Problem. Das zweite Problem ist, dass die Sklaverei nicht nur brasilianisch ist, sondern international. Wie sollen unsere Unternehmer zum Beispiel mit der chinesischen Produktion konkurrieren und gleichzeitig Arbeitsgesetze einhalten? Wie kann es gerechten Handel geben, wenn England oder die Vereinigten Staaten Ausbeutung, die wir für Sklavenarbeit halten, erlauben? Dann sind unsere Produkte teurer und gegenüber den USA und europäischen Ländern im Nachteil. Das ist ein strukturelles Problem. Es muss ein internationales Bewusstsein dafür geben, dass dies inakzeptabel ist.
Das globale System ist wahrscheinlich so schnell nicht zu ändern. Selbst in Brasilien werden jedes Jahr rund 3000 Menschen aus sklavenähnlichen Bedingungen befreit. Woran liegt das?
Es braucht strukturelle Veränderungen. Man muss Arbeitsplätze schaffen und für die Ausbildung der Arbeitnehmer sorgen, damit die Menschen Alternativen haben. Ich habe zum Beispiel mit einem befreiten Wanderarbeiter gesprochen. Er hatte ein kleines Stück Land, von dem er die Familie ernähren konnte, aber kein Geld für Medikamente oder anderes. Er sagte mir: „Meine Frau und ich schlafen in der Hängematte und haben immer von einem schönen Doppelbett geträumt.“ Die Menschen sind keine Masochisten, und viele kennen die Risiken von Wanderarbeit. Aber sie müssen sie eingehen, um kleine Verbesserungen zu erreichen.
Aktion Schutzengel: Eine Welt. Keine Sklaverei.
Ein häufiges Argument der Unternehmer ist, dass es alle so machen. Man müsse mitmachen, sonst verschwinde man vom Markt.
Nur weil der Nachbar seine Frau umbringt, ist das ja nicht legal. Mir ist natürlich klar, dass dies im internationalen Wettbewerb ein Problem ist. Jedes Land muss Kontrollmaßnahmen schaffen und Sozial-Labels einführen. Und die Konsumenten müssen darauf achten und keine Produkte kaufen, die auf Ausbeutung basieren.
Brasilien will aber kein Lieferkettengesetz und keine Siegel. Das ist doch schizophren!
Das ist ein Problem des Kapitalismus, denn dessen einzige Logik ist der Profit. Und wenn es keine Kontrolle gibt, entweder durch den Staat oder durch die Zivilgesellschaft, werden im Namen des Profits Verbrechen begangen. Ohne Druck und Kontrolle der Gesellschaft passiert nichts. Der Profit muss einer Ethik unterworfen werden. Papst Franziskus hat gesagt, wir dürfen nicht vom Geld beherrscht werden, wir müssen das Geld beherrschen. Wenn wir für den Profit auf unsere Menschlichkeit verzichten, befinden wir uns in einer gefährlichen Falle.
Interview: Sandra Weiss