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Unterwegs im Südsudan und in Äthiopien
Tagebuch einer Reise

kontinente-Chefredakteurin Beatrix Gramlich ist gemeinsam mit dem Fotografen Hartmut Schwarzbach auf Recherchereise im Südsudan. In ihrem Reisetagebuch erzählt sie, welchen Menschen sie begegnet, welche Erlebnisse sie besonders beeindrucken und was alles am Rande der Recherchen passiert. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen einer kontinente-Reportage!
 

Text: Beatrix Gramlich / Fotos: Hartmut Schwarzbach

Tag 1: 40 Grad und ein Haufen Bürokratie

Ankunft in Juba, der Hauptstadt des Südsudan: 40 Grad und ein Haufen Bürokratie. So viele Papiere mussten wir noch für keine Reise einreichen. Kurz vor dem Abflug kam dann endlich die Genehmigung, dass wir im Land journalistisch arbeiten dürfen. Ohne sie wäre die Kameraausrüstung des Fotografen gleich am Flughafen beschlagnahmt worden. Jetzt sind wir da und kommen ziemlich zügig durch alle Sicherheitschecks. Dafür fehlen unsere Koffer, und am nächsten Tag wollen wir weiter nach Rumbek. Zum Glück landen sie am Nachmittag mit der nächsten Maschine. 

Tag 2: Die „braune Kuh“

Zwei Frauen stehen in einem Feld. Die Frau links trägt ein kariertes Kleid und hält Pflanzen in der Hand, während sie lächelt. Die Frau rechts hat ein Notizbuch und einen Stift in der Hand. Im Hintergrund sind Bäume und Gewächshausstrukturen sichtbar.

Ich heiße jetzt „braune Kuh“. Der Name, den mir die Gärtnerin der Maria-Ward-Schwestern (im Bild links) in Rumbek gegeben hat, ist eine Ehre. Denn für die hier lebenden Dinka sind die Rinder ihr wertvollstes Gut. Die Ordensfrauen leiten in Rumbek eine Grund- und eine weiterführende Schule mit insgesamt 1600 Schülern. Morgen starten sie mit ihnen einen Pilgermarsch für Frieden und Versöhnung in diesem von 50 Jahren Bürgerkrieg und blutigen Konflikten gebeutelten Land. Wir gehen mit. 

Tag 3: Pilgermarsch für Frieden und Versöhnung

Mit Sonnenaufgang setzt sich die Pilgergruppe in Bewegung: 120 junge Leute in orangefarbenen T-Shirts, auf dem Rücken ein Zitat von Papst Franziskus „Es ist Zeit, Frieden zu schaffen.“ Die vielen jungen Menschen zu Fuß, wie eigentlich nur die Ärmsten unterwegs sind, erregen Aufmerksamkeit. Menschen bleiben stehen, Autofahrer drosseln ihr Tempo. Wir laufen zum Flughafen, um Erzbischof Séamus Patrick Horgan zu empfangen, den ersten im Südsudan residierenden Nuntius. Er kommt in Begleitung von Bischof Christian Carlassare, dem früheren Bischof von Rumbek. Kaum sind die beiden aus dem Flugzeug gestiegen, werden sie mit sie knallbunten Lametta-Kränzen behängt, am Rand des Rollfelds singen Kinder, eine Frauengruppe begrüßt sie freudig mit schrillem Getriller. 

In einer Kirche beten Kinder in gelben und roten Kleidern von den Knien. Im Hintergrund stehen Priester am Altar, umgeben von bunten Dekorationen. Die Atmosphäre ist feierlich und spirituell.
Eine große Gruppe von Menschen in leuchtenden orangefarbenen und blauen T-Shirts marschiert auf einer unbefestigten Straße. Einige tragen Hüte und Schilder. Die Szenerie ist umgeben von Bäumen und einer nebligen Atmosphäre, was eine dynamische und engagierte Stimmung vermittelt.

Tag 4: Bei den Dinka

Die Dinka, die 90 Prozent der Bevölkerung im Lakes State mit seiner Hauptstadt Rumbek stellen, sind schmal und hoch gewachsen. Beim Größenvergleich ziehen wir eindeutig den Kürzeren!

Die Armut in den Dörfern ist unvorstellbar. Die Menschen halten ein paar Ziegen und Hühner, bauen Erdnüsse und Sorghum, eine Hirseart, an. Nachts breiten sie auf dem Boden ihrer Lehmhütten die Schlafmatten aus. Ihre wenigen Habseligkeiten baumeln in Plastiktüten an der Wand. Schon die Kleinen üben sich im Nationalsport Ringen. Jeden Sonntagnachmittag messen die Kinder ihre Kräfte beim Wrestling-Wettkampf. Solche sportlichen Highlights hätte Nuntius Séamus Patrick Horgan bei seinem Gang durch die Dörfer wohl kaum erwartet.    

Eine Gruppe von Menschen steht im Freien, umgeben von Natur. Einige Kinder sind ebenfalls zu sehen. Die Stimmung ist freundlich, und die Menschen zeigen ein Lächeln. Die Kleidung variiert, mit bunten Mustern, was ein Gefühl von Gemeinschaft vermittelt.
Eine afrikanische Dorfszene mit mehreren Kindern, die um ein Lehmhaus spielen. Ein Junge hält ein Baby, während andere in der Nähe stehen. Im Vordergrund grast eine Ziege, und im Hintergrund ist Rauch von einem Feuer zu sehen, das auf dem Boden brennt.
Zwei fröhliche Kinder umarmen sich spielerisch auf einem offenen Feld. Der Himmel ist klar und die Umgebung wird von einigen Bäumen und grünen Pflanzen umgeben, was eine warme und unbeschwerte Atmosphäre vermittelt.

Tag 5: Anflug auf Juba

Luftaufnahme, die einen klaren Fluss zeigt, der sich durch eine grüne Landschaft schlängelt. Auf der linken Seite sind landwirtschaftliche Felder mit verschiedenen Anbauflächen zu sehen, umgeben von Bäumen und vereinzelten Gebäuden im Hintergrund. Der Himmel ist klar und sonnig.
Anflug auf Juba mit dem Weißen Nil

 

Wer groß ist, muss den Kopf einziehen, um sich in einen der zwölf Sitze unserer Propellermaschine zu zwängen. Kurz vor der Landung schwenkt das Flugzeug über den Weißen Nil. Der Strom, der sich in Khartum mit dem Blauen Nil vereint, ist das Wasserreservoir der Stadt. 

Doch eine öffentliche Wasserversorgung gibt es nicht. Wer kann, lässt auf seinem Grundstück nach Wasser bohren. Die Armen müssen es für teures Geld kaufen: ein Zehn-Liter-Tank kostet eineinhalb Dollar. Selbst ein Lehrer verdient maximal 50 Dollar im Monat. 

Tag 6: In einem Camp für Binnenflüchtlinge

Schwester Pasqua Binen Anena nimmt uns mit in ein Camp für Binnenflüchtlinge mitten in Juba. Das Lager besteht seit elf Jahren. Die Menschen sind vor den blutigen Konflikten im Jonglei State geflohen, seit einigen Monaten suchen auch Flüchtlinge aus Khartum hier Schutz. Die Bedingungen sind unvorstellbar: 10 000 Frauen, Männer und Kinder, die auf engstem Raum unter zerschlissen Plastikplanen hausen. In der Regenzeit fließt das Wasser in die Zelte und verwandelt die engen Gassen in Schlammpisten. Seit das World Food Programm die Lebensmittelausgaben eingestellt hat, ist jeder Tag ein Kampf ums Überleben. Für das ganze Camp gibt es zehn Latrinen, drei davon sind voll. Die Regierung, die den Flüchtlingen den Platz zugewiesen hat, kümmert sich nicht darum.

Ein belebter Weg in einem Slum mit zahlreichen Menschen, darunter Kinder und Erwachsene. Ein Junge trägt einen gelben Eimer und ein anderer schiebt ein Fahrrad mit mehreren Wasserkanistern. Die Umgebung ist von Müll und provisorischen Unterkünften geprägt.
Auf dem Bild stehen mehrere Personen in einer ländlichen Umgebung. Eine Frau in traditioneller Kleidung lächelt eine Nonne an, während sie ein kleines Kind in den Armen hält. Im Hintergrund sind einfache Unterkünfte und Kinder zu sehen, die auf dem Boden spielen.
Eine Gruppe von Kindern steht an einer Essensausgabe. Ein Mädchen in einem hellen Kleid hält einen blauen Teller, während ein Junge hinter ihr aufblickt. Im Hintergrund sind weitere Kinder zu sehen, die auf ihre Portion warten.

Aus dem Flüchtlingscamp kommen auch die Kinder, die Schwester Pasqua mit Frühstück und Mittagessen versorgt, damit sie nicht länger auf den Straßen um Wasser und Essen betteln müssen. Die Mädchen und Jungen sind glücklich, dass sie den halben Tag auf dem Gelände der Combonischwestern verbringen können. Hier dürfen sie Kind sein, spielen und lernen. Zwei junge Leute bringen ihnen Grundzüge in Schreiben, Lesen und Rechnen bei. Das ersetzt die Schule nicht, aber die Kleinen machen begeistert mit. 

Tag 7: Auf dem Weg in die Nuba-Berge

Mehrere Personen tragen schwere Lasten auf dem Kopf und gehen über einen sandigen Boden. Im Hintergrund sind Palmen und hügelige Landschaften zu sehen. Der Himmel ist klar und blau, und die Szenerie strahlt eine warme, sonnige Atmosphäre aus.
Dorfbewohner haben Früchte im Wald gesammelt und transportieren sie nach Hause. Sie laufen durch einen ausgetrockneten Fluss, in der kargen Berglandschaft der Nuba-Berge gibt es wenig Wasser.

Heute geht es weiter Richtung Norden in die Nuba-Berge. Offiziell gehört die Region zum Sudan, doch die Hälfte des Gebiets wird von der südsudanesischen Befreiungsarmee kontrolliert. Zugänglich ist es nur aus dem Südsudan. Die Zwischenlandung in Rubkona führt uns erneut vor Augen, dass wir in keinem sicheren Land unterwegs sind. Gepanzerte UN-Fahrzeuge bewachen das Flugfeld, am Rand patrouillieren Blauhelme mit schusssicherer Weste und Maschinengewehr. Dabei ist Fliegen noch die sicherste Art, sich fortzubewegen. 

Von Rubkona fliegen wir mit einer alten Cessna nach Yidel, kurz vor der sudanesischen Grenze. Von dort geht es mit einem Geländewagen weiter in die Nuba-Berge. Vor uns liegen sechs abenteuerliche Stunden Fahrt über sandige Wege, die über weite Strecken kaum als Straße erkennbar sind, die Hälfte der Zeit im Dunkeln.
 

Überwältigender Sternenhimmel, rustikale Unterkunft


Zum Glück begleitet uns Pfarrer Biong, Sekretär der Bischofskonferenz von Sudan und Südsudan, ein Dinka und Mann wie ein Baum. Allein seine Anwesenheit bedeutet Schutz. Er regelt alle Einreiseformalitäten und sorgt dafür, dass wir die Checkpoints problemlos passieren. In tiefschwarzer Nacht landen wir durchgeschwitzt und erschöpft bei den Comboni-Schwestern in Gidel. Der Sternenhimmel ist überwältigend, die Unterkunft rustikal: kein fließendes Wasser, Waschhaus mit Latrinen und Eimerdusche auf dem Hof.

Eine lächelnde Frau mit einem Hut betätigt eine Handpumpe für Wasser in einem Garten. Um sie herum stehen verschiedene Wasserbehälter in bunten Farben. Im Hintergrund sind Bäume und einfache Strukturen zu sehen. Die Umgebung wirkt trocken und ländlich.
Die Comboni-Schwestern führen in den sudanesischen Nuba-Bergen ein einfaches Leben ohne Komfort in der heißen und trockenen Savannenlandschaft.

Tag 8: Im Mother of Mercy Hospital

Gidel, ein Dorf im Zentrum der Nuba-Berge, ist für die Menschen in der Region vor allem mit einem verbunden: dem Mother of Mercy Hospital. Die Klinik mit mehr als 400 Betten wurde 2008 von Comboni-Missionar Macram Max Gassis, Bischof der Diözese El Obeid, gegründet. Die Kranken kommen von weit her, manche aus Dörfern, mehrere Tagesmärsche entfernt. Der medizinische Direktor, Tom Catena, ein US-amerikanischer Arzt und Laienmissionar arbeitet seit der ersten Stunde hier. Sieben Tage pro Woche behandelt er Patienten, operiert, sorgt für Nachschub an Medikamenten und medizinischem Material, nachts ist er in Rufbereitschaft. Jeder hier kennt seinen Namen. Wir treffen ihn zum Interview und sind tief beeindruckt – von seinem nahezu übermenschlichen Einsatz genauso wie von seiner tiefen Spiritualität.

Das Mother of Mercy Hospital unterhält 19 Außenstationen, die eine rudimentäre Gesundheitsversorgung in den Dörfern anbieten. Die Mitarbeiter haben meist keine medizinische Ausbildung, sondern ihr Wissen durch Erfahrung erworben. Sie geben Medikamente aus, impfen, helfen bei Geburten. Wir fahren mit zwei Ärztinnen des Mother of Mercy Hospitals ins zwei Stunden entfernte Longoro, im Gepäck Verbandsmaterial und Medikamente. Für den kleinen Koni, den seine Schwester gebracht hat und der schwer atmend auf der Wartebank liegt, ein Glück! Ärztin Hesté Henning attestiert eine schwere Lungenentzündung. Der Sauerstoffgehalt im Blut des Dreijährigen ist dramatisch gering. Normalerweise würde sie ihn mit in die Klinik nehmen. Aber da sie keine Möglichkeit hat, seine Eltern zu informieren, kann sie nur Antibiotika geben - und hoffen, dass er überlebt.

Eine Krankenschwester kümmert sich um ein krankes Kind, das auf einer Bank liegt. Um sie herum sitzen mehrere Menschen, die sie aufmerksam beobachten. Die Szene spielt sich in einem Gesundheitszentrum im Freien ab.

Ärztin Hesté Henning vom Outreach Team des Mother of Mercy Hospital untersucht den kleinen Koni.

Das Bild zeigt einen überfüllten Krankenhausraum mit mehreren Patienten auf Betten und Bänken. Einige Personen stehen, während andere sitzen oder liegen. Die Wände sind grün, und der Raum wirkt chaotisch, mit einem Gefühl von Gemeinschaft und Pflege.

Das katholische Mother of Mercy Hospital ist das beste Krankenhaus im Umkreis von 300 Kilometern für eine Million Menschen.

Ein Mann in blauer Kleidung spricht mit einer Frau, die einen Rucksack trägt und ein lässiges Oberteil anhat. Im Hintergrund sind einfache Lehmhäuser, Wäsche hängt zum Trocknen, und einige Bäume sind zu sehen. Die Atmosphäre wirkt informell und freundlich.

Beatrix Gramlich im Gespräch mit dem amerikanischen Arzt und Laienmissionar Dr. Tom Catena, dem Leiter der Kinik.

Tag 9: Einfaches Leben, wunderschöne Landschaft

Ein Kind trägt einen gelben Eimer auf dem Kopf und geht durch eine trockene Landschaft, umgeben von Bäumen mit grünen Blättern und blühenden rosa Blumen. Zwei weitere Kinder sind in der Nähe sichtbar, während das Gelände hügelig und karg wirkt.
In der kargen Berglandschaft der sudanesischen Nuba-Berge gibt es wenig Wasser, aber die Desert Rose blüht prächtig.

Das Leben der Menschen in den Nuba-Bergen ist einfach. Sie wohnen in traditionellen Rundhütten, leben vom Ertrag ihrer Felder, halten Kühe, Ziegen, Hühner. Die Landschaft ist wunderschön. Jahrhundertealte Baobabs recken ihre knorrigen Äste gen Himmel, vereinzelt blühen pinkfarbene Wüstenrosen.

Kamuka Jaily Anur geht auf die St. Joseph’s Secondary School, in der Comboni-Schwester Catherine Achieng Ouma, unterrichtet. Sie gehört zu den Besten ihres Jahrgangs – obwohl sie sich nach der Schule um Familie, Haushalt und ihren kleinen Sohn Augustin kümmert. Ihr Mann arbeitet als Lehrer in einer Grundschule, sechs Stunden Fußmarsch entfernt, und kommt nur einmal in der Woche nach Hause.

 

Während die Mutter in der Schule ist, passt ihre Oma auf den Kleinen auf. Abends backt Kamuka Brot, am Wochenende stellt sie Wein aus Sorghum her. Beides verkauft sie, um ihre Schulgebühren bezahlen zu können. „Ich hoffe, dass ich die Schule nicht wieder verlassen muss“, sagt die 22-Jährige – wie damals in der siebten Klasse, als ihr Vater die Gebühren nicht mehr für alle Kinder aufbringen konnte.

Eine Frau mit kurzer Frisur trägt ein kleines Kind auf dem Arm. Sie lächelt und steht vor einer traditionellen Lehmhütte mit einem Strohdach in einer ländlichen Umgebung. Die Landschaft im Hintergrund ist trocken und hügelig.
Schülerin Kamuka Jaily Amur (21) besucht die St. Joseph Secondary School, hat einen dreijährigen Sohn und ist mit einem Lehrer verheiratet.

Tag 10: Bomben am Wegesrand

Der Bürgerkrieg im Norden des Sudan, hoffen die Menschen in den Nuba-Bergen, nimmt sie aus der Schusslinie. Noch im Dezember 2023 hat die Regierung in Khartum die Region, die um Unabhängigkeit kämpft, bombardiert. 

Bei einem Angriff 2000 auf die Grundschule in Kauda, eine halbe Stunde Autofahrt von Gidel entfernt, wurden 15 Mädchen und Jungen getötet. Ihre zerfetzen Körper ruhen in einem Massengrab auf dem Schulhof. An der Wegstrecke stecken immer wieder Bomben im Sand, die nicht explodiert sind.

Ein verrosteter, hohler Metallzylinder steht in einer trockenen Landschaft, umgeben von hohen Gräsern. Im Hintergrund sind vereinzelte Bäume zu sehen und der Himmel ist klar und blau. Die Szenerie wirkt verlassend und weist auf eine menschliche Präsenz hin, die nicht mehr vorhanden ist.

Tag 11: Drei Stunden Sonntagsmesse

Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen sitzt in einem offenen Raum mit unvollständigen Wänden. Sie hören einer Ansprache oder Gottesdienst zu, wobei einige Personen vorn stehen. Die meisten Anwesenden sind in farbige Kleidung gehüllt und scheinen aufmerksam zuzuhören.
Katholische Messe am Sonntag in der einfachen Kirche in Gidel in der Region Süd-Kordofan in den Nuba-Bergen. An einigen Stellen sind die Mauern eingebrochen.

Drei Stunden Sonntagsmesse in St. Peter und Paul, Gidel. Genau genommen ist die Kirche nicht mehr als ein Karree aus niedrigen Mauern mit hochgestelltem Wellblechdach. Immerhin weht dadurch ein bisschen Wind über die Köpfe. An einigen Stellen sind die Wände eingebrochen. 

Die Gemeinde sammelt für den Bau eines neuen Gotteshauses. Doch angesichts der Armut hier wird es lange dauern, bis das Geld reicht. Was für den Bau benötigt und nicht vor Ort hergestellt wird, ist wie vieles in den Nuba-Bergen teuer. Denn es muss mühsam aus Juba herangeschafft werden.

Tag 12: Neun Stunden Rückfahrt aus den Nuba-Bergen

Neun Stunden Rückfahrt aus den Nuba-Bergen. Unterwegs sehen wir uns zwei Gesundheitsstationen an. Die Diözese El Obeid stellt die Räumlichkeiten, sorgt für Medikamente, Impfstoffe und bezahlt das Personal. Ohne die Kirche würde sich auf dem Land niemand um die Kranken kümmern. Pfarrer Biong und unser Fahrer Dihalla Khalil essen auf halber Strecke an einem Marktstand zu Mittag. Auch wenn alles appetitlich aussieht: Wir sehen, wie es gekocht wird, und verkneifen uns den Genuss lieber.

Auf der Strecke kommen wir an einem Flüchtlingslager vorbei. Mitten im Niemandsland hat die Regierung der Nuba-Berge Menschen, die vor dem Krieg im Sudan Zuflucht suchen, ein Stück Land zugewiesen. Hier siedeln sie in armseligen Hütten, die sie aus Holz, Stroh und Plastikplanen notdürftig zusammenbauen.

Weil nur morgens Flüge nach Juba gehen, verbringen wir die Nacht im Pfarrhof von Yida mit UNHCR-Planen und Stroh gedeckten Lehmhütten. Die Räume sind sauber, die Latrinen nutzt man besser nur, wenn unbedingt nötig. Dafür genießen wir das Abendessen unter einem fantastischen Sternenhimmel.

Ein runder Metallteller mit verschiedenen Gerichten: Fladenbrot, eine Schüssel mit einer braunen Sauce, bestreut mit grünen Zwiebeln, eine Schüssel mit frischem Salat und ein Teller mit gebratenem Fleisch. Daneben kleine Schalen mit Gewürzen und Salz.
Eine Gruppe von Binnenflüchtlingen im Sudan vor armseligen Hütten, die sie aus Holz, Stroh und Plastikplanen notdürftig zusammengebaut haben.
Eine Person steht in einem einfachen, rustikalen Raum mit Betonwänden und einem Bett, das mit einer Bettwäsche in Blau- und Weißtönen ausgestattet ist. Über dem Bett hängt ein Moskitonetz. Im Hintergrund sind ein Fenster und ein Stuhl zu sehen.

Tag 13: Napfkuchen auf offenem Feuer

Der „Regenschirm“-Baum spendet Schatten für alle. Unter seinen ausladenden Ästen haben sich rund 60 Frauen und eine Handvoll Männer versammelt. Jeden Samstagnachmittag treffen sie sich hier auf dem Schulhof der katholischen Grundschule zu den Kursen von Schwester Mary Atimango. Die Sacred-Heart-Schwester ist Lehrerin und vermittelt ihnen auf engagiert-resolute Art, wie man bei einem Marktstand Gewinn und Verlust kalkuliert oder mit der Herstellung von Gebäck Geld verdient. Vor unseren Augen entsteht mit einfachsten Mitteln in Windeseile ein Rührteig. Anschließend backt der Napfkuchen auf offenem Feuer. Wie die Frauen Ober- und Unterhitze mit Holzkohle auf und unter der geschlossenen Aluform ausbalancieren, ist eine Wissenschaft für sich – das Ergebnis zum Reinbeißen!

Eine Gruppe von Menschen sitzt unter einem großen Baum im Freien. Sie hören einem Redner zu, der vorne steht. Die Atmosphäre ist gemeinschaftlich und entspannt, mit viel Grün im Hintergrund. Einige Teilnehmer tragen traditionelle Kleidung.
Eine Gruppe von Frauen steht um einen Tisch im Freien. Eine Frau bereitet eine Mischung in einem Behälter vor, während andere zuschauen. Im Hintergrund sitzen weitere Personen. Der Anlass scheint gemeinschaftlich und festlich zu sein, möglicherweise im Rahmen eines Essens oder einer Veranstaltung.

Tag 14: Mit Schwester Manna Awala in Tigray, Äthiopien

Letzte Station unserer Reise: Äthiopien. Die Ankunft in der Provinzhauptstadt Mekele fühlt sich an wie die Rückkehr in die Zivilisation: asphaltierte, nächtlich beleuchtete Straßen, Geschäfte, Cafés, in denen die Menschen sitzen und plaudern. Schwester Manna Awala hat uns für eine Nacht ein Hotel gebucht.

Am nächsten Morgen fahren wir mit ihr gen Norden Richtung eritreische Grenze: Hier tobte 2020 bis 2022 ein Bürgerkrieg, der als einer der grausamsten in der jüngsten Zeit gilt. Mehr als eine Million Menschen wurden getötet, zwei Millionen zu Flüchtlingen im eigenen Land. Auslöser war Präsident Abiy Ahmeds Versuch, die Regionalregierung Tigrays zu entmachten und das föderale System durch ein zentralistisches zu ersetzen. Zu den Gräueltaten der äthiopischen Truppen und ihrer Verbündeten gehörte die systematische Vergewaltigung von Frauen und Mädchen. Schwester Manna Awala und ihre Mitschwestern helfen den Opfern. Darüber wollen wir berichten.

Eine Bronzeskulptur eines knienden Mannes in einer Gartenanlage steht im Vordergrund. Im Hintergrund sind zwei Frauen zu sehen, die entspannt an einem Gebäude vorbeigehen. Die Umgebung ist grün mit Pflanzen und einem Eingang, der kunstvoll gestaltet ist.
Ankunft in Mekele, der Hauptstadt der Krisenregion Tigray im Norden Äthiopiens: Ursulinenschwester Manna Awala begrüßt kontinente-Chefredakteurin Beatrix Gramlich im Akhsum Hotel.

Tag 15: Kämpfer für das tigrinische Volk

Die Sonntagsmesse in der Kathedrale von Adigrat beginnt um 6.30 Uhr und dauert drei Stunden. Die Diözese feiert nach orientalischem Ritus in der alten Kirchensprache Ge‘ez, der Priester zelebriert mit Rücken zum Volk. Männer und Frauen sitzen getrennt. Unzählige Male wiederholen die Gläubigen die Gebetsformeln. Ihre Stimmen vereinen sich in einem melodischen Singsang, der zwischen wenigen Tönen variiert.

Nach dem Gottesdienst treffen wir Bischof Tesfaselassie Medhin. Im Krieg hat er immer wieder seine Stimme für das tigrinische Volk erhoben und die Menschenrechtsverletzungen der Regierungstruppen angeprangert. Er selbst wurde von Soldaten aus dem Gottesdienst gezerrt und bedroht. „Ich war ihre Zielscheibe Nummer eins“, sagt er. „Wir sind durch die Hölle gegangen.“ Noch immer sind Teile Tigrays von eritreischen Truppen besetzt, leben Menschen in Flüchtlingscamps und bitterer Armut.

Ein Junge fährt mit dem Fahrrad durch das Tor einer Kirche, die mit einem hohen Glockenturm und bunten Fenstern ausgestattet ist. Der Himmel ist klar und blau, während die Gebäude um die Kirche herum im warmen Licht des Sonnenuntergangs erstrahlen.
Ein Priester in traditioneller Kleidung steht lächelnd neben einer Frau in einem blauen Oberteil. Im Hintergrund sind Regale mit Büchern und mehreren religiösen Bildern und Statuen zu sehen. Der Raum wirkt geschäftig, mit vielen ordentlichen Unterlagen auf dem Tisch.
Eine Gruppe von Menschen in traditioneller, weißer Kirchenbekleidung steht in einer Kirche. Sie wirken andächtig und singen oder beten. Die Atmosphäre ist feierlich, und die Wände sind mit religiösen Symbolen geschmückt. Es sind sowohl Frauen als auch Männer anwesend.

Tag 16: Händler und Bettler

Montag ist Markttag in Adigrat. Die Händler haben ihre Ware auf dem Pflaster am Straßenrand ausgebreitet. Von Altkleidern über Obst und Gemüse bis hin zu lebenden Hühnern ist alles zu haben. Auf dem Gehweg bettelt eine Mutter um Geld, damit sie ihre Tochter freikaufen kann. In der Hoffnung auf ein besseres Leben wollte sich die junge Frau nach Europa durchschlagen. In Libyen geriet sie in die Fänge von Kriminellen. Organisierte Banden machen hier grausame Geschäfte mit den Migranten: Sie entführen und misshandeln sie, halten sie gefangen und erpressen Lösegeld von den Angehörigen.

Eine Frau in einem bunten Kleid, die mit Gras oder Stroh arbeitet, steht neben einem Mann, der auf einem Hocker sitzt und mit einem Gegenstand beschäftigt ist. Rundherum sind handgefertigte Körbe und Rohmaterialien zum Verkauf in einem Marktbereich sichtbar.
Eine Frau sitzt auf dem Boden und hält ein Schild mit einem großen Foto einer anderen Frau. Das Schild enthält Informationen, die um Hilfe oder Unterstützung bitten. Die Umgebung ist eine gepflasterte Fläche mit Pflanzen im Hintergrund.

Tag 17: Ein Sack Mais pro Monat

Im Bild stehen zwei Frauen und zwei Kinder in einer ländlichen Umgebung. Eine Frau trägt ein religiöses Gewand und eine Tasche, während die andere in traditioneller Kleidung gekleidet ist und ein Kind auf dem Rücken getragen wird. Im Hintergrund hängen Kleidungsstücke zum Trocknen.
Besuch mit Ursulinenschwester Manna Awala (links) im Flüchtlingslager "Old Airport IDP Camp" in Adigrat.

In Adigrat leben mehr als 58.000 Binnenflüchtlinge. Der Bürgerkrieg, der von 2020 bis 2022 in Tigray tobte, hat ihnen alles genommen: ihr Zuhause, ihre Felder, ihr Vieh. Obwohl sich nach dem Friedensabkommen von November 2022 alle ausländischen Truppen aus Äthiopien zurückziehen sollten, halten eritreische Armee und amharische Milizen weiterhin Teile von Tigray besetzt. Wo sie sind, herrschen Gewalt und Rechtlosigkeit.

Seit drei Jahren auf Hilfe angewiesen

Die Flüchtlinge aus diesen Regionen sind dazu verdammt, weiter in Lagern auszuharren. Zwei davon besuchen wir. Bis zu 50 Männer, Frauen und Kinder teilen sich ein Zelt. Pro Monat bekommt jeder einen Sack Mais. Die Diözese unterstützt die Geflüchteten mit Geld, damit sie Kleidung, Schulmaterial für die Kinder, Hygieneartikel kaufen können. „Seit drei Jahren betteln wir und sind auf Hilfe angewiesen“, sagt die 49-jährige Genet Berhane. „So können wir nicht länger leben. Wir wollen nach Hause.“ 

 

Hoffen auf Benzin für Rückreise

Morgen geht es mit dem Auto zurück nach Mekele und von dort über Addis Abeba mit dem Flugzeug nach Hause. Wir hoffen, dass die Tankstellen bis dahin wieder Benzin haben.