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Auf einen Kaffee mit... Christophora und Hildegard

Viele kennen Hildegard von Bingen, die vor fast 850 Jahren starb, vor allem als Naturheilkundige. Für Sr. Christophora aus der Abtei St. Hildegard ist das zu wenig. Christina Brunner hat Fragen an beide.

Zwei Tassen Kaffee auf Untertellern, eine lila mit der Aufschrift "Christophora" und eine blaue mit "Hildegard". Beide Tassen dampfen leicht.
Sr. Christophora aus der Abtei St. Hildegard im fiktiven Gespräch mit Hildegard von Bingen.

Mit Ihren Schriften und Visionen, liebe heilige Hildegard, können viele nichts anfangen. Ihre Rezepte und Kräuter kennt jeder. Hat Sie das berühmt gemacht? 

HILDEGARD: Zu meiner Zeit hatte jedes Kloster Schriften zur Heilkunde, das war selbstverständlich. Es gab ja im Mittelalter keine Krankenhäuser. Die Klöster waren Orte, wo man medizinisch behandelt wurde. Und in jedem Kloster gab es Kräutergärten, für den medizinkundige Nonnen oder Brüder zuständig waren. SR. CHRISTOPHORA: Der Boom der angeblichen Hildegard-Medizin ist wirklich ein sehr modernes Phänomen! Es gibt viele natur- und heilkundliche Schriften aus dem Mittelalter, die bis in die Neuzeit viel stärker genutzt wurden als Hildegard. Dazu kommt: Die zwei naturkundlichen Bücher, die angeblich von ihr geschrieben wurden, sind mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod entstanden! 

Wenn Hildegard keine Kräuterheilige ist – was ist sie dann?  

HILDEGARD: Eine kleine Feder Gottes! Eine Posaune, in die ein anderer bläst, damit sie einen Ton von sich gibt. SR. CHRISTOPHORA: Vor allem ist sie Theologin, und ihre Theologie ist eine echte Schöpfungstheologie. Vieles von dem, was Papst Franziskus in Laudato si' sagt, kann man bei ihr finden: dass der Mensch nicht unabhängig von der Natur leben kann, dass er ein Teil der Natur ist und dass wir Verantwortung füreinander und für die Natur haben. HILDEGARD: Ich zitiere mal aus einem meiner Bücher: „Die Winde sind vom Gestank heiser geworden, die Luft speit Schmutz aus, weil die Menschen ihren Mund nicht zur Rechtschaffenheit öffnen. Auch die Grünkraft welkt wegen des ungerechten Aberglaubens der verkehrten Menschenmassen, die jede Angelegenheit nach ihren Wünschen bestimmen und sagen: Wer ist denn jener Herr, den wir niemals gesehen haben?“ SR. CHRISTOPHORA: Interessant, oder? Der Mensch macht die Erde unbewohnbar! Nicht nur, weil er nicht mit der Natur lebt und arbeitet, sondern auch, weil er sich von Gott abwendet. Er leugnet seine Abhängigkeit als Geschöpf, und das macht ihn und die Welt kaputt. 

Das ist ja ein ziemlich negatives Bild der Menschheit! 

HILDEGARD: Gar nicht! Der Mensch ist das vollkommenste Wunderwerk Gottes, weil Gott durch ihn erkannt wird und weil Gott seinetwegen geschaffen hat. Er übertrifft sogar die Engel, die nur Geist sind und nicht schöpferisch handeln können. SR. CHRISTOPHORA: Kann man Größeres über uns sagen?

Was bedeutet die Heilige denn eigentlich für Ihre Gemeinschaft? 

SR. CHRISTOPHORA: Wir sind 30 Schwestern – und es gibt 30 verschiedene Meinungen zu Hildegard. Ich nähere mich ihr eher auf dem künstlerischen Weg, Sr. Maura ist eine anerkannte Hildegard-Forscherin, Sr. Lydia fasziniert ihre Musik. Und einige andere haben ihren persönlichen Zugang zu Hildegard gefunden. Es gibt aber auch viele Mitschwestern, die sagen: Mich interessiert Hildegard nicht. Ich bin hier als Benediktinerin, ich liebe unsere Art zu leben und unsere Liturgie. Man muss nicht Hildegards Schriften lesen oder Salben rühren. Wichtig ist, dass wir mit Gottes Hilfe das aktivieren, was er in uns hineingelegt hat. Und ich glaube, offen zu sein für die Vielfalt ist sehr hildegardisch. HILDEGARD: Auf jeden Fall! Natürlich hatte ich viel Einfluss, und den habe ich auch genutzt. Aber es ging mir nie um einen Personenkult, sondern um die Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen.    

Die Abtei St. Hildegard wurde 1900  gegründet, Hildegard hat hier nie gelebt.  

SR. CHRISTOPHORA: Man wollte mit diesem Haus die Hildegard-Tradition weiterführen. Auf wissenschaftlicher Ebene hat das geklappt. Aber der Schrein mit ihren Reliquien steht bis heute nicht hier, sondern in der Wallfahrtskirche von Eibingen. Denn die Benediktinerinnen, die 1904 aus Prag hierherkamen, hatten gar kein Interesse daran, Pilger zu empfangen. Sie lebten sehr abgeschlossen. HILDEGARD: Zu meiner Zeit haben sich um unsere Klöster herum immer Menschen angesiedelt und uns unterstützt. SR. CHRISTOPHORA: Wir sehen das heute auch anders als die Prager Schwestern. Wir müssen nach draußen gehen, das ist unser geistlicher, christlicher Auftrag. Aber natürlich auch, um Einkünfte zu haben. 

Eine Person steht entspannt mit dem Rücken an einer Skulptur, die an eine menschliche Form erinnert. Die Person lächelt und trägt ein hellblaues Oberteil. Im Hintergrund sind grüne Bäume und historische Architektur sichtbar.
Schwester Christophora hat die Skulptur der Hildegard von Bingen aus Ton gefertigt.

Klöster sind „Anders-Orte“

2029 feiern wir 850 Jahre Hildegard von Bingen. Sie bieten im Kloster auch die Ausbildung zur Hildegard-Referentin an. Wie sieht die aus? 

SR. CHRISTOPHORA: Es geht um ihre Schriften, ihre Theologie und Spiritualität, ihre Zeit, ihre Musik … Weil die Kurse hier im Kloster stattfinden, begegnen die Leute auch uns Schwestern und erfahren mehr über benediktinische Spiritualität, aus der heraus Hildegard gelebt hat. Wir konzipieren die Ausbildung für Menschen, die nicht aus dem kirchlichen Kontext kommen. Das macht es für mich so interessant. Wenn ich als junge Kunststudentin gesagt habe, ich komme aus der Abtei St. Hildegard, konnte damit keiner was anfangen. Aber wenn ich sagte „Hildegard von Bingen“, wussten 80 Prozent der Menschen, wer das ist. Darin steckt eine große Chance, finde ich.   

Klöster werden ja immer mehr wahrgenommen als Orte, wo Kirche anders erlebbar ist.  

HILDEGARD: Und das war schon zu meiner Zeit so! Im Kloster Eibingen starb ein Edelmann, der exkommuniziert worden war. Er hat aber bei mir gebeichtet, und ich habe ihn auf unserem Friedhof bestatten lassen. Das war natürlich nicht erlaubt, und die Bischöfe haben eine Strafe über das Kloster verhängt. Die Schwestern durften die Stundengebete nicht mehr öffentlich singen. Aber dagegen habe ich sogar beim Papst protestiert: Singen ist der Auftrag Gottes an meine Schwestern. Das kann kein Bischof verbieten. SR. CHRISTOPHORA: Klöster sind wirklich „Anders-Orte“, und das wollen wir ja auch sein. Schwester Philippa hat hier eine sogenannte „Trotzdem“- Gruppe aufgebaut für Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder gehen wollen, aber damit nicht ihren Glauben verloren haben. Sie treffen sich jeden Monat hier bei uns. Da sind wir wirklich ganz auf der Linie Hildegards.