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Auf einen Kaffee mit ... Bruder Stefan Federbusch und Bruder Natanael Ganter

Interview: Christina Brunner

Jeder sechste Mensch lebt in einem Kriegsgebiet. Gleichzeitig wird aufgerüstet. Die Franziskaner Stefan Federbusch und Natanael Ganter diskutieren, ob Deutschland dabei mitmachen muss.

Zwei gezeichnete Teetassen auf Untertassen, eine pink mit dem Namen "Stefan" und eine blau mit dem Namen "Natanael". Aus beiden Tassen steigt dampfender Tee auf, was einen gemütlichen und einladenden Eindruck vermittelt.
Zwei Franziskaner - Bruder Stefan und Bruder Natanael - diskutieren bei einem Kaffee die Frage: Frieden schaffen mit oder ohne Waffen?

„Frieden schaffen ohne Waffen“ – hat sich das erledigt? 

BR. STEFAN: Das ist die spannende Frage. Statt von „friedensbereit“ oder „friedensbewegt“ sprechen wir jetzt von „kriegstüchtig“. Es ist ja berechtigt, dass die Friedensbewegung sich kritisch anfragt. Aber mir geht es zu radikal in die Gegenrichtung. Wieder Militarisierung, Aufrüstung, Abschreckung – ist das nicht zu einseitig? BR. NATANAEL: Ich bin aufgewachsen mit der Idee von Frieden. Von Deutschland wird nie wieder ein Krieg ausgehen, wir brauchen keine schlagkräftige Armee. Heute bin ich vorsichtiger: Deutschland braucht ein gut eingebundenes und verteidigungsfähiges Militär. Ich sehe mich nach wie vor als Pazifist, auch wenn ich es für richtig halte, der Ukraine in ihrem Verteidigungskrieg gegen Russland Waffen zu geben, auch für Gegenangriffe auf russischem Territorium. BR. STEFAN: Ich sehe auch das unendliche Leid. Aber wie lange soll sich das fortsetzen? Es zeichnet sich keine Lösung ab. Deshalb sehe ich es skeptisch, die Ukraine weiter mit Waffen zu beliefern, weil das, glaube ich, nicht zum Ende des Krieges führen wird. Es muss auf eine diplomatische Lösung hinauslaufen. BR. NATANAEL: Aber für die Diplomatie braucht es starke Vertragspartner. Sonst ist der Friede eine Kapitulation. Klar: Wenn wir der Ukraine mit Waffen helfen, verlängern wir den Krieg. Die Ukrainer zahlen einen hohen Preis. Aber es geht für sie nicht nur um Frieden, sondern um Freiheit und Selbstbestimmung. 

 

Deutschland gibt mehr als 88 Milliarden für Verteidigung aus. Eine enorme Summe … 

BR. NATANAEL: Unser Land hat über die letzten Jahrzehnte das Militär kaputtgespart, weil wir uns auf die Nato-Partner verlassen haben. Im Moment ändert sich die Situation, deshalb verstehe ich, dass wir Unsummen bereitstellen, um diesen Rückschritt im Eiltempo und mit einer gewissen Panik aufzuholen. Aber diese Investitionen müssen Grenzen haben. Wenn Deutschland vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts investiert, dann haben wir eine Militärausgabengröße wie China! Deutschland braucht kein Militär, um allein mächtig zu werden. Es geht nur im Zusammenspiel mit anderen in Europa. BR. STEFAN: Was gibt denn Sicherheit? Es galt lange Zeit ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte. Und wenn man nur mal rein zahlenmäßig guckt: Die Kapazität der NATO ist in allen Belangen Russland weit überlegen! Wir können uns die riesigen Rüstungsausgaben vielleicht als reiches Land leisten. Aber viele Länder investieren Geld in Rüstung, das für anderes dann nicht zur Verfügung steht. 

Was fördert eigentlich Frieden? Und ist es nicht gefährlich, die Ausgaben für Entwicklungshilfe so herunterzufahren? 

BR. STEFAN: Friedens- und Versöhnungsdienste haben Finanzierungsprobleme, und gleichzeitig wird mal eben ein 100-Milliarden-Euro-Paket für die Bundeswehr freigeschaltet. BR. NATANAEL: Die Investition in Frieden kommt finanziell gesehen viel zu kurz. Durch Entwicklungszusammenarbeit verringern wir die Gefahr, dass Krieg ausbricht, und bekämpfen auch Fluchtursachen, was wiederum unsere Gesellschaft stabilisiert. Insofern wäre dieses Geld gut angelegt in internationalen Hilfsprogrammen. 

Ist Jesu Friedensauftrag nur noch eine verrückte Idee oder lebt die noch? 

BR. NATANAEL: Die lebt absolut noch! Und ich persönlich kann anfangen, Frieden zu schaffen, indem ich mit den Menschen in Frieden lebe, die um mich herum sind. Das heißt nicht Konfliktlosigkeit, aber eben diese Konflikte im Dialog und im gegenseitigen Akzeptieren zu leben und nicht zu einem großen Streit ausarten zu lassen. BR. STEFAN: Die Kirche hat immer schon versucht, die Botschaft Jesu ins Politische zu übertragen und das Konzept des gerechten Krieges aufgestellt: Es braucht strenge Kriterien, nach denen Kriegshandlungen stattfinden dürfen. Alle gewaltfreien Möglichkeiten müssen ausgeschöpft sein, bevor man sich mit Waffen verteidigen darf. 

Auch im Konflikt Russland-Ukraine? 

BR. NATANAEL: Ich habe Bischof Stanislaus aus Odessa gefragt, was er denen antwortet, die keine Waffen liefern wollen. Er bittet um das Gebet der Menschen. Aber er sagte auch: Wenn ihr nur beten und singen wollt, seid ihr herzlich eingeladen in die Ukraine zu kommen und mit uns zu singen und zu beten und zu gucken, was passiert. BR. STEFAN: Eine Studie hat gezeigt, dass gewaltfrei gelöste Konflikte doppelt so häufig zu einem Friedensschluss geführt haben wie Konflikte, die man mit Gewalt lösen wollte. Wir brauchen verschiedene Wege, von denen Gewalt nur das letzte Mittel sein sollte. Krieg traumatisiert alle Beteiligten. Deshalb stehe ich einem gewaltsamen Handeln sehr skeptisch gegenüber. BR. NATANAEL: Es geht darum, abzuschrecken und keine Schwäche zu zeigen! Es ist doch ein Grundreflex des Menschen, sich zu bewaffnen und für einen Konflikt vorbereitet zu sein ... BR. STEFAN: Ich lebe eigentlich aus der Hoffnung, dass wir über diesen Status hinaus sind. 90 Prozent der Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als in Frieden zu leben. Das Dilemma ist, dass diese 90 Prozent von wenigen terrorisiert werden, die anders drauf sind. Nur: Müssen wir das mitmachen? Ich finde es fatal, dass die UNO so an Bedeutung verloren hat. Wir müssen wieder Institutionen schaffen, die für Frieden sorgen. Mir gefällt der Satz: Wenn du den Frieden willst, musst du ihn vorbereiten. Selbst wenn wir uns jetzt noch im Krieg befinden – es muss eine Idee geben, was danach passiert. Wie lange braucht es, bis aus Kriegsparteien wieder Freunde werden? Das braucht mutige Menschen, die mutige Schritte gehen. 

Zwei Franziskanerbrüder in braunen Kutten stehen vor einer Kaffeemaschine und halten jeweils eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie lächeln freundlich und wirken entspannt, während sie in einer hellen, modernen Küche stehen.
Bruder Stefan Federbusch, 58, (links), ist stellvertretender Leiter der Franziskaner-Provinz. Bruder Natanael Ganter, 53, verantwortet die Pressearbeit der Franziskaner in Deutschland. Wie Br. Stefan hat er als junger Mann den Kriegsdienst verweigert.

BR. NATANAEL: Ich habe nur Frieden erlebt mit unseren Nachbarn. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, gegen Frankreich Krieg zu führen. Früher normal, heute absurd! Wir spielen im selben Team mit den Franzosen in der EU. BR. STEFAN: Du kannst dir das nicht vorstellen, gegen Frankreich Krieg zu führen. Ich möchte provozierend fragen: Warum sollte ich gegen Russland Krieg führen? Ich möchte gegen niemanden Krieg führen! Und ich will auch nicht, dass die Russen gegen die Ukraine Krieg führen. Ich möchte an der Utopie festhalten, dass wir dieses Blockdenken überwinden. Nicht: Wer spielt in welchem Team? Sondern: Wir sind alle Bewohner dieser Erde, und wir haben auch keine andere. 

Über die Bedrohung durch den Klimawandel spricht im Moment niemand mehr … 

BR. STEFAN: Das müsste eigentlich das allererste Thema sein – das Überleben der Menschheit und der Schöpfung! Allein das Militär trägt ja ein Viertel zu den weltweiten Emissionen bei. Es ist fatal, wie viel Umweltzerstörung der Krieg verursacht – und gleichzeitig alle Ressourcen verbraucht, die wir benötigen, um das Überleben auf diesem Planeten zu sichern!