Von Eva-Maria Werner
Manchen Menschen gelingt es gut, aus Krisen heil hervorzugehen, andere zerbrechen daran. Was hilft uns, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen? Wir suchen nach Antworten, weltweit.
Resilienz (Widerstandsfähigkeit) ist ein Modewort. Es begegnet einem überall: Individuen sollen resilient werden gegenüber Alltagsstress, Staaten gegenüber militärischen Angriffen, die Natur gegenüber den Folgen des Klimawandels. Der Begriff, der ursprünglich aus der Materialwissenschaft kommt (von lateinisch „resilire“, abprallen), meint die Eigenschaft eines Stoffes, auch bei starkem Einfluss von außen seine ursprüngliche Form zu erhalten. Wie ein Schwamm, der zusammengedrückt wird und sich nach der Krafteinwirkung wieder ausdehnt. Seit 2014 gibt es in Mainz das Leibniz-Institut für Resilienzforschung, die europaweit erste Einrichtung dieser Art. Michèle Wessa, Psychologin und Resilienzforscherin, hat es mitbegründet.
Frau Wessa, wie definieren Sie „Resilienz“ in Ihrem Fachbereich?
Wir verstehen darunter einen dynamischen Prozess der Anpassung mit dem Ergebnis, dass Menschen trotz belastender Erfahrungen und Herausforderungen psychisch gesund bleiben. Wir können diesen Prozess beeinflussen, auch wenn wir mit unterschiedlichen Anlagen zur Welt kommen. Er ist nichts Statisches.
Ist Resilienz ein universelles Phänomen?
Ja! Viele Studien zeigen, dass die Mehrheit der Menschen resilient ist. 70 Prozent gelingt es gut, auch traumatischen Ereignissen und starken Belastungen standzuhalten. Ich denke, wir können oft sogar mehr aushalten und bewältigen, als wir zunächst denken. Umso wichtiger ist es, diese Zuversicht und das Bewältigungspotential der Menschen auch zu vermitteln und zu aktivieren. Diese Botschaft ist mir wichtig, weil es teilweise so dargestellt wird, als seien die jüngeren Generationen verweichlicht und zunehmend anfällig. Das stimmt so nicht.
Die US-Psychologin Emmy Werner führte in den 1950er-Jahren auf der hawaianischen Insel Kauai die erste Langzeitstudie zur Resilienz durch, bei der sie 686 Kinder auf dem Weg des Erwachsenwerdens begleitete. Alle hatten unterschiedliche Startvoraussetzungen. Ihr Ergebnis nach 40 Jahren Forschung: Selbst ein Drittel der Kinder, die aus schwierigen Verhältnissen kamen, führte später ein gutes und erfülltes Leben – ein Hinweis darauf, dass Armut eine ambivalente Rolle für die Entwicklung von Resilienz spielt. Einerseits kann sie Menschen schwächen und daran hindern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Andererseits machen Kinder aus prekärem Umfeld häufig die Erfahrung, dass sie an ihrer Situation etwas ändern können, wenn sie handeln – etwa die Schule beenden und einen guten Beruf ergreifen.
In armen, kriegsgeplagten Gesellschaften scheinen Menschen oft widerstandsfähiger als in wohlhabenden Teilen der Welt. Warum?
Bestimmte Situationen werden wir nie vergleichen können, weil wir nicht wissen, wie Menschen aus westlichen, industrialisierten Ländern sich verhalten würden unter den Bedingungen eines kriegsgebeutelten Landes. Oder wie junge Menschen heute sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verhalten hätten. Ich glaube, dass existenzielle Herausforderungen den Überlebenswillen von Menschen aktivieren. Und dann vieles möglich ist, was uns vorher nicht machbar erschien.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Die Corona-Pandemie hat uns alle auf eine Art herausgefordert, wie wir sie vorher nicht kannten. Wir haben gesehen, dass Menschen sich im Alltag in einem Ausmaß unterstützt haben, wie das vorher nicht der Fall war. Ich finde es schwer, unterschiedliche Lebenssituationen zu bewerten und zu sagen, wir sind weniger resilient, weil wir mit scheinbar banalen Herausforderungen wie Stress oder Zeitdruck nicht klarkommen, während andere auf der Welt Hunger leiden und das besser meistern. Das bedeutet ja nicht, dass wir mit einer viel größeren, lebensbedrohlichen Situation nicht auch umgehen könnten, wenn sie plötzlich da wäre.
Wie werden wir widerstandsfähiger?
Es gibt einige Mechanismen, die wir anwenden können. Bei vielen geht es darum, zu reflektieren: Ist das der richtige Weg? Zum Beispiel: Entsprechen die Dinge, die ich im Alltag tue, meinen innersten Überzeugungen? Ist das nicht der Fall, fehlt oft die Sinnhaftigkeit im Leben, die ein ganz entscheidender Resilienzfaktor ist. Wichtig ist auch Akzeptanz. Das bedeutet nicht, dass ich alles, was auf mich zukommt, schicksalhaft annehme. Aber dass ich ein bestimmtes Ereignis oder eine Herausforderung als Teil meines Lebens sehen kann und nicht ständig frage: Warum ist das ausgerechnet mir passiert? Erst dann bin ich bereit zum nächsten Schritt, nämlich zu überlegen: Wie kann ich es bewältigen? Hilfreich sind auch Strategien aus dem Bereich der Achtsamkeit, etwa Atemübungen. Sie sind einfach, denn atmen müssen wir alle. Sie helfen uns, im Moment zu bleiben und die Dinge wertungsfreier zu betrachten.
Was hilft Ihnen persönlich?
Aktiv zu werden! In der Coronazeit, als wir nicht wegfahren konnten, habe ich mit meinen Kindern einen alten Wohnwagen renoviert. Es hat nicht alles perfekt geklappt, aber es hält und sieht schön aus. Wir haben in einer belastenden Zeit etwas getan, was uns verbindet. Den Wohnwagen haben wir in die Weinberge gestellt und so getan, als wären wir im Urlaub. Stichwort „Selbstwirksamkeitserwartung“ – auch ein sehr wichtiger Resilienzfaktor: Das Erlebnis, dass wir mit dem, was wir tun, etwas Gutes schaffen und auch Herausforderungen bewältigen können, hat uns gestärkt.
Vier Jahre habe ich Menschen im Südsudan fotografisch begleitet, die riesigen Überschwemmungen ausgesetzt sind. Die Überflutungen zwingen die Gemeinden, sich an eine ständig verändernde Umwelt anzupassen. Bei Holzknappheit ist der Abbau zerstörter, wasserüberfluteter Häuser oft die einzige Möglichkeit, Baumaterial zu sammeln. Obwohl Fisch verfügbar ist, reicht er für eine ausgewogene Ernährung nicht aus, Mangelernährung droht. Viele Frauen sammeln Wasserlilien-Zwiebeln, um daraus eine essbare Paste herzustellen. Andere haben gelernt, Reis im Hochwasser anzubauen. Gemeinden fertigen aus dicht gepacktem Gras schwimmende Pontons, die mit den Fluten steigen und fallen. Trotz der Schwierigkeiten behalten die Menschen ihren Stolz, ihre Widerstandsfähigkeit und ihren Einfallsreichtum. Ich finde das bewundernswert.
Peter Caton, Fotograf aus Großbritannien
Jeden Tag treffe ich Frauen, die alles verloren haben – ihr Zuhause, geliebte Menschen, ein Gefühl der Sicherheit –, und Kinder, die Angst in ihren Augen tragen, aber immer noch davon träumen, zur Schule zu gehen. Die Menschen, denen wir im Libanon dienen, leiden unter erdrückender Armut, Vertreibung und Traumata. Und doch sind sie bemerkenswert stark. Ihr Glaube, ihre Liebe zu ihren Familien und die kleinen Taten der Freundlichkeit, die sie einander erweisen, sind ihre Anker. Ihre Widerstandskraft macht mich demütig. Als Schwestern vom Guten Hirten bieten wir sichere Räume, offene Ohren, Bildung, Gesundheitsversorgung und Momente des Friedens. Aber oft sind es die leidenden Menschen, die uns lehren, was es bedeutet, zu hoffen. Ihr Mut inspiriert mich jeden Tag.
Schwester Antoinette Assaf, Libanon