Einsatz hilft!
Von Beatrix Gramlich
Zwei MÀnner pöbeln im Bus eine Frau an, ein Fahrgast greift ein: ein klassischer Fall von Zivilcourage, die unsere Gesellschaft so dringend braucht. Kann man diesen Mut lernen? Die Psychologie sagt: Ja. Ein Kurs zeigt, wie es geht.
Beim BĂ€cker beobachte ich, wie sich GeschĂ€ftsleute vor eine alte Dame drĂ€ngeln. In der StraĂenbahn belĂ€stigt eine Gruppe alkoholisierter Jugendlicher eine Frau auslĂ€ndischer Herkunft. Eine Kollegin lĂ€sst keine Gelegenheit aus, um ĂŒber einen Mitarbeiter herzuziehen. Immer wieder erlebe ich solche Situationen. Aber die einzige, die etwas sagt, bin ich. Ansonsten: betretenes Schweigen, bestenfalls beilĂ€ufiges Kopfnicken.
Warum zeigen viele Menschen so wenig Zivilcourage? Was drĂ€ngt die einen, beherzt einzugreifen, und hĂ€lt andere davon ab? Kann man Zivilcourage lernen? Diese Fragen beschĂ€ftigen mich. Und so sitze ich an einem Samstagmorgen in einem Seminarraum in MĂŒnchen. Mit mir im Stuhlkreis 18 Teilnehmer â von der jungen Jobcenter-Mitarbeiterin aus Halle ĂŒber den IT- Techniker aus Nigeria bis zum UrmĂŒnchner Rentnerpaar, weit ĂŒber 70. Alle, das stellt sich schnell heraus, treibt die Frage um, wie man in kritischen Situationen einschreiten kann, ohne sich selbst zu gefĂ€hrden. Der Kurs, den der Verein âZivilcourage fĂŒr alleâ regelmĂ€Ăig in den RĂ€umen der Friedrich-Ebert-Stiftung anbietet, verspricht, darauf Antworten zu geben. Drei Ehrenamtliche â Psychologin Lilly Beerman, PĂ€dagogin Heike Mais und Herwin Lesch, Techniker im Ruhestand â wollen uns beibringen, wie man im Ernstfall richtig reagiert. Das klingt spannend!
Doch was genau ist eigentlich Zivilcourage? In Dorschs Lexikon der Psychologie heiĂt es dazu: âAls Zivilcourage versteht man mutiges prosoziales Verhalten zugunsten schwĂ€cherer Dritter, bei dem ohne RĂŒcksicht auf negative Konsequenzen WertĂŒberzeugungen und Normen verteidigt werden.â âZivilâ geht auf das lateinische âcivisâ, BĂŒrger, zurĂŒck. âCourageâ kommt aus dem Französischen und bedeutet Mut. Trainerin Heike Mais, 56, ĂŒbersetzt den Lexikon-Sprech fĂŒr diesen âBĂŒrgermutâ so: Ich stehe anderen bei. Ich handle aus persönlicher Ăberzeugung. Ich stehe fĂŒr demokratische Grundrechte ein. Und dabei riskiere ich etwas â möglicherweise auch negative Folgen.
Ein DreiecksverhÀltnis
Anders als bei der âbloĂenâ Hilfe â wenn ich etwa einen Rollstuhlfahrer ĂŒber die StraĂe schiebe â besteht bei Zivilcourage immer ein DreiecksverhĂ€ltnis zwischen TĂ€ter, Opfer und demjenigen, der eingreift. Zu diesem Thema forscht Veronika BrandstĂ€tter-Morawietz, 63. Sie ist Professorin fĂŒr Psychologie an der UniversitĂ€t ZĂŒrich und hat den Workshop âKleine Schritte statt Heldentatenâ entwickelt, auf dem auch das Training des MĂŒnchner Vereins fuĂt.
Im Grunde, sagt sie, gehe es bei Zivilcourage immer um MenschenwĂŒrde. Wie sensibel jemand darauf reagiert, wenn diese WĂŒrde verletzt wird, hĂ€ngt von individuellen Wertvorstellungen, der Persönlichkeit, aber auch von der konkreten Situation ab. Wer empathisch, hilfsbereit, emotional stabil ist und zudem ĂŒber eine gute Portion Selbstvertrauen verfĂŒgt, so BrandstĂ€tter-Morawietz, sei eher bereit, in kritischen Situationen einzugreifen. âWorin sich Menschen allerdings deutlich unterscheidenâ, betont sie, âist das Wissen, was man dann tun und was auf keinen Fall machen sollte.â
Dieses Wissen will das Training in MĂŒnchen vermitteln. Denn es ist eine Voraussetzung, um im Zweifelsfall richtig zu handeln. âIch merke, dass Eingreifen manchmal nötig wĂ€reâ, sagt Brigitte, 62, Krankenschwester. âAber ich traue mich nicht. Ich will das Handwerkszeug dafĂŒr lernen.â Ein Mann gesteht, er habe sich in kritischen Situationen oft hilflos gefĂŒhlt. âIch will aus der Starre kommen.â Im Kurs wird es nun praktisch. Die Ăbung heiĂt âNeulich in der Kantineâ: Unter Kollegen am Nachbartisch entwickelt sich ein GesprĂ€ch, das zunehmend auslĂ€nderfeindliche Tendenzen annimmt. Weghören oder sich einschalten? Manchmal, lernen wir, genĂŒgt schon Aufstehen und ein laut vernehmliches âDamit bin ich nicht einverstanden!â Klare Worte wirken â auch auf die stummen Mithörer ringsum. Schweigen indes wird von den TĂ€tern hĂ€ufig als Zustimmung gewertet. Deshalb ist es so wichtig zu widersprechen (âDu bist nicht das Volk!â), nachzuhaken (âWieviele Muslime kennst du?â) oder Zweifel zu sĂ€en (âDu meinst, AuslĂ€nder nehmen uns den Job weg. Dein PizzabĂ€cker Giovanni aber nicht, oder?â). Der ehemalige UN-GeneralsekretĂ€r Kofi Annan hat es bei einer Holocaust-Gedenkveranstaltung so ausgedrĂŒckt: âAlles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.â
Zivilcourage to go
Hilf, aber bring dich nicht in Gefahr
Ruf die Polizei unter 110
Bitte andere um Mithilfe
PrÀge dir TÀtermerkmale ein
KĂŒmmere dich um Opfer
Sag als Zeuge aus
Das ganze Dossier finden Sie im E-Paper
HĂŒrden fĂŒr den BĂŒrgermut
âZivilcourage kann man lernen, indem man die HĂŒrden dafĂŒr senktâ, sagt die Psychologin BrandstĂ€tter-Morawietz. âDie erste ist: Man kriegt ein Ereignis ĂŒberhaupt nicht mit. Man hat Kopfhörer auf, steckt hinter der Zeitung, die Situation ist uneindeutig.â Deshalb sei die Tendenz, bei tĂ€tlichen Angriffen einzuschreiten, höher als etwa bei Schikanen am Arbeitsplatz, die oft sehr subtil ablaufen. Ăhnlich paradox ist der sogenannte Bystander- oder Zuschauereffekt: Je mehr Menschen anwesend sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft â weil jeder glaubt, die anderen könnten es besser und hĂ€tten sowieso schon die Polizei verstĂ€ndigt. Experten sprechen von Verantwortungsdiffusion. Auch die soziale NĂ€he zum Opfer spielt eine Rolle. âWir helfen eher Menschen, die uns Ă€hnlich sindâ, erlĂ€utert BrandstĂ€tter-Morawietz. Bei Obdachlosen hingegen â das belegen Studien â schauen viele automatisch weg.
Nachmittags steht im Zivilcourage-Training die nĂ€chste Ăbung an. Wir bekommen Rollen als FahrgĂ€ste in einem Bus zugeteilt: ein Vater mit Kleinkind, die Touristin, gespannt auf die nĂ€chste SehenswĂŒrdigkeit, zwei Frauen auf dem Weg zum Sport. Auf der RĂŒckbank sitzt Claudius, im wahren Leben Fachmann fĂŒr Cybersicherheit und ein Mann wie ein Schrank. Er soll einen GeschĂ€ftsmann spielen, der in Ruhe ein Telefonat fĂŒhren möchte. Ausgerechnet er wird im Lauf unserer fiktiven Fahrt von zwei Kleinkriminellen bedrĂ€ngt, die es auf sein Handy abgesehen haben. Aber wir anderen haben inzwischen dazugelernt, suchen uns Mitstreiter und greifen ein. Neu fĂŒr uns ist: TĂ€ter immer siezen und ihnen den Fluchtweg freihalten, damit sie ihn nicht mit Gewalt erzwingen. Und: Der Platz auf der RĂŒckbank ist der gefĂ€hrlichste. Wer da sitzt, lĂ€sst sich leicht isolieren. Ziel sei immer, betont Trainerin Mais, die Situation zu entschĂ€rfen, die Aufmerksamkeit auf das Opfer zu richten und es aus der Schusslinie zu nehmen â zum Beispiel, indem man vortĂ€uscht, einander zu kennen. Ein freundliches: âHallo Stefan, was machst du denn hier? Willst du dich zu uns setzen?â signalisiert Beistand und bringt die TĂ€ter aus dem Konzept. Ăberhaupt ist Irritation grundsĂ€tzlich gut. In einer kritischen Situation kann es schon helfen, plötzlich âHappy Birthdayâ zu singen.