Sieben Jahre lang war Kerstin Kohlenberg, 55, für DIE ZEIT als Korrespondentin in den USA. Die Soziologin erlebte, wie sich das Land zunehmend polarisierte. Abseits der Schlagzeilen sucht die Journalistin, die mit einem Amerikaner verheiratet ist, Gründe dafür, warum enttäuschte Bürger so viel Wut entwickelt haben und was dagegen helfen könnte.
Frau Kohlenberg, haben wir in Deutschland ein realistisches Bild von den USA?
Ich habe als Korrepondentin schon versucht, ein relativ komplexes Bild von Amerika zu vermitteln. Aber wenn man aus der Ferne guckt, ist es immer schwer, ein Land, das sich dramatisch in seiner sozialen und politischen Zusammensetzung verändert, zu verstehen. Ich glaube, wenn man die Gefühle, die zu solchen Veränderungen führen, nicht nachvollziehen kann, begreift man die Situation nicht. Daher sind für mich die vielen kleinen Enttäuschungen so wichtig, die ein Land einem Menschen oder bestimmten Gruppen zufügt. Die haben wir nicht so auf dem Schirm, weil wir oft anderswo hingucken.
Ist das der Grund, warum Sie in Ihrem Buch die Lebenswege dreier Menschen so detailliert beschreiben?
Ja, weil man dadurch vielleicht versteht, warum so viele Demokraten-Wähler sich von der Partei abgewandt haben. Walter, der Black Lives Matter-Aktivist, ist der Meinung, dass das Gerechtigkeitsversprechen für die schwarze Bevölkerung nicht eingelöst wurde. Stephen, der Krankenpfleger aus einer total zerrütteten Familie, hat das Gefühl, dass die Demokraten die weißen Armen auf dem Land vergessen haben. Und Magali, das Kind einer mexikanischen Arbeiterin, hat ihren amerikanischen Traum durch harte Arbeit verwirklicht und möchte ihn um jeden Preis absichern.
Bei der Lektüre bekommt man eine Ahnung, woher Wut, Enttäuschung und Radikalisierung kommen ...
Für eine Demokratie ist das Verständnis für die Verletzungen derer, die nicht zur eigenen politischen Seite gehören, der einzige Weg, um ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu kreieren. Dafür müssen wir unseren Blick immer wieder auf Orte und Menschen lenken, von denen wir uns längst abgewendet haben.
Was müsste geschehen, um der starken Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen?
Politische Aufmerksamkeit muss mittlerweile erzeugt werden in einer Welt, in der wir zugeballert werden mit Informationen. Viele Leute hören auch gar nicht mehr hin, weil sie mit der Organisation ihres Alltags so beschäftigt sind. Man muss eine Form finden, in der Politik überhaupt wieder vermittelbar wird. Und ich mache mir große Sorgen, dass der links und rechts gut gedeihende Antisemitismus zur politischen Mobilisierung benutzt wird.
Trump brüstet sich damit, dass Glaube und Religion in seiner Amtszeit starken Auftrieb erhalten haben. Warum ist der christliche Nationalismus so erfolgreich?
Da kommt vieles zusammen: Die Ablehnung der sich immer weiter globalisierenden Welt, eines Weltbildes, in dem das Individuum im Zentrum steht, Gemeinschaft und Familie dagegen immer unwichtiger werden, man entwurzelt und einsam ist, Zukunftsangst empfindet. Dem steuern Trump und sein Vize J.D. Vance entgegen, indem sie sagen, wir wollen wieder mehr in kleineren Einheiten denken und leben. Wie in der „Bruderhof“-Gemeinschaft, die derzeit enorm wächst.
Können Sie die näher beschreiben?
Das ist eine christliche Bewegung, die sich am Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde orientiert. Man hilft sich gegenseitig, ist genossenschaftlich organisiert. Es ist die absolute Gegenposition zu einer globalen Welt.
Laut einer Studie des Fernsehsenders NBC ist Papst Leo XIV. die Person, der Amerikaner am meisten vertrauen. Überrascht Sie das?
Er ist eine konservative Figur, die gleichzeitig mit linken und sozialen Themen auftritt. Damit bildet er eine interessante Synergie. Außerdem ist er Amerikaner! Die katholische Kirche jedoch ist zahlenmäßig klein und hat nicht viele Anhänger. Die Missbrauchsskandale haben ihr sehr geschadet.
Wenn Papst Leo sagt, er fahre lieber nach Lampedusa anstatt zur Feier der amerikanischen Unabhängigkeit ...
... dann setzt er damit ein Zeichen. Er zieht die katholische Kirche nach links mit seinen Aussagen zu Nächstenliebe und Migration. Wenn er J.D. Vance widerspricht, es gebe keine Rangfolge der Nächstenliebe, dann vertritt er damit allerdings ein ethisches Ideal. Vance dagegen spricht aus, was der Mensch erlebt: dass ihm die eigene Familie am nächsten ist, dann erst die Nachbarn und zuletzt die Fremden. Wenn man das nicht anerkennt und eine Antwort findet auf das, was Vance sagt, dann wird man immer die schwächere Position haben in dieser sehr populistischen Welt, fürchte ich.
Trump ist angetreten mit dem Versprechen „America First“. Was ist daraus geworden?
Was wir im Moment sehen, ist traditionelle amerikanische Außenpolitik: die Vorstellung, dass man mit dem Militär Politik machen kann. Es ist gerade nicht „America First“. Denn das würde bedeuten, wir ziehen uns aus den Konflikten heraus, die unser direktes Sicherheitsbedürfnis nicht beeinflussen. Die Vorstellung, dass man auf eine schnelle und billige Weise mal eben so einen Regimewechsel herbeiführen kann, ist naiv. Die Midterm-Wahlen im November werden zeigen, inwieweit das interventionistische Vorgehen Trump schwächt.
Im Sommer wird in den USA die Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden, die Trump sicher als Bühne nutzt. Wäre ein Boykott der Spiele sinnoll?
Früher hätte ich gesagt: Ja! Der Boykott von Staaten, die gegen ihre eigenen Bürger vorgehen, ist notwendig. Zunehmend sehen wir aber, dass unsere Welt autoritärer wird. Und wen schließt man dann alles aus? Wenn wir Amerika boykottieren, warum gehen wir nach Katar? Ich glaube, Amerika ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten immer noch erheblich freiheitlicher, demokratischer und offener. Deshalb wäre es ein total falsches Zeichen, die Fußball-WM zu boykottieren.
Was mögen Sie an Amerika, trotz allem?
Wir in Deutschland haben das Verständnis, dass der Staat mal machen muss. Wir zahlen Steuern und wollen eine Dienstleistung dafür. Das ist in den USA anders. Da sind die Bürger der Staat, bereit, sich für die Gesellschaft einzusetzen. Das begeistert mich bis heute.
Interview: Eva-Maria Werner