Der deutsch-iranische Schauspieler und Regisseur Mohammad-Ali Behboudi (70) hat sich schon als junger Geflüchteter einen Platz auf europäischen Bühnen und beim Film erobert. Später gründete er in Köln das „Welttheater“. Grenzen überwinden, den Mensch in den Mittelpunkt stellen, das ist bis heute sein Anliegen.
Herr Behboudi, wie sind Sie zum Theaterspielen gekommen?
Durch Zufall. In meiner Heimatstadt Semnan wurde ein Kinder- und Jugendkulturzentrum eröffnet. Anfangs hatte das keine eigenen Räume und kam in meiner Schule unter. Als in der Theatergruppe jemand krankheitsbedingt ausfiel, fragte man mich, ob ich einspringen könne. Offensichtlich habe ich meine Sache nicht schlecht gemacht. Als Jugendlicher habe ich mit Freunden dann eine eigene Theatergruppe gegründet, in der wir uns mit politischen Themen befasst haben.
Nach der iranischen Revolution konnten Sie nicht weiterarbeiten und sind aus Ihrer Heimat geflohen. Was hat Ihnen geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen?
Menschen, die keine Vorurteile hatten, die mir das Leben hier und den Zugang zur Theaterlandschaft ermöglicht haben. Aber auch mein eigener Wille: Ich habe sehr intensiv angefangen, Deutsch zu lernen. Zeitweise habe ich bis zu 100 Bewerbungen pro Jahr geschrieben. Und natürlich habe ich auch immer wieder Glück gehabt. Zum Beispiel, als ich in Zürich das „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal kennengelernt habe.
Eine Theaterform, die Kunst und Selbsterfahrung kombiniert. Das Publikum soll zu politischem Handeln motiviert werden ...
Diese Vision, dass man die Grenzen der Sprache überwinden und gemeinsam ein Vorhaben umsetzen kann, indem alle einbezogen werden, hat mich bei der Gründung meines „Welttheaters“ begleitet. Ich habe Künstler aus unterschiedlichen Ländern, mit verschiedenen Hautfarben und Akzenten zusammengebracht. In all unseren Stücken steht der Mensch im Mittelpunkt. Solange es noch Fremdenfeindlichkeit gibt und die Menschenrechte noch nicht für alle umgesetzt sind, werden uns diese Themen in unserer Arbeit beschäftigen.
Nicht Perfektion, Inhalte stehen im Fokus
Sie sind zu Theaterfestivals in Brasilien und Burkina Faso gereist. Spielt man dort wie in Deutschland?
Nein. Theater hat dort eine gesellschaftliche Aufgabe, will aufklären, etwas erzählen. Es geht nicht um die Perfektion der Performance, sondern um Inhalte. In Burkina Faso war Aids ein großes Thema. Nach der Aufführung der Stücke in der Hauptstadt Ouagadougou zogen die Schaupieler in die Dörfer und spielten auf öffentlichen Plätzen. Das ist Theater, das mich interessiert! Das ist etwas anderes als Staatstheater.
Sie spielen im „Tatort“ ebenso wie in klassischen Stücken. Welche Rolle hat Ihnen bisher am meisten abverlangt?
Auf der sprachlichen Ebene der „Saladin“ aus dem Stück „Nathan der Weise“. Den klassischen Text verständlich zu sprechen, war nicht einfach. Die Rolle des palästinensischen Arztes in „Ich werde nicht hassen“ hat mich auf andere Weise gefordert. Denn das ist eine reale Geschichte. Izzeldin Abuelaish, der während eines israelischen Angriffs drei seiner Töchter verloren hat und auf dessen Biografie das Stück basiert, saß bei der Premiere in Stuttgart im Publikum.
Gefiel es ihm?
Ja, zum Glück! Er hat uns einen Dankesbrief geschrieben. Ich habe seine Geschichte in den vergangenen 13 Jahren mehr als 230 Mal gespielt – in Theatern, Schulen, Gefängnissen.
Warum berührt seine Geschichte so viele Menschen?
Weil Abuelaish sich nach dem Verlust seiner Töchter und seiner Frau, die allein im Krankenhaus sterben musste, weil man ihm an einem israelischen Checkpoint die Weiterreise verweigerte, entschlossen hat: Ich werde trotzdem nicht hassen. Diese Haltung ist zu seiner Lebensphilosophie geworden, an der er festhält – auch, nachdem er im Gazakrieg seit 2023 mehr als 20 Familienmitglieder verloren hat. Das zeigt seine enorme menschliche Größe. Jemand muss aufhören zu hassen, um die Gewaltspirale zu durchbrechen.
Können Sie seine Haltung nachvollziehen?
Ja, nachdem ich im Iran-Irak-Krieg sechs Monate an der Front gekämpft hatte, kam ich total fertig zurück. Damals habe ich für mich entschieden, nie mehr Gewalt anzuwenden. Egal ob privat oder politisch. Weil ich nur mit dieser Einstellung meinen Seelenfrieden finden kann.
Wie blicken Sie auf den Krieg im Iran?
Dieser Krieg war zu erwarten, aber er hat mich trotzdem erschüttert, da ich überzeugt davon bin, dass Gewalt nichts bringt. Die Situation für die Iraner hat sich seit den Angriffen verschlechtert: Sie haben monatelang kaum Internetzugang. Die Zahl der Hinrichtungen und Repressionen hat massiv zugenommen. Jetzt, im Kriegszustand, können die Leute nicht auf die Straße gehen und demonstrieren. Irgendwann wird die iranische Bevölkerung sich von diesem Regime befreien. Aber das braucht Zeit. Man kann von außen keine Demokratie installieren. Das hat noch nie funktioniert.
Vom Geheimdienst verhört
Wann waren Sie zuletzt in Ihrem Geburtsland?
2022, kurz bevor Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam starb. Man hatte der jungen Frau vorgeworfen, das Kopftuch falsch getragen zu haben. Ich habe gesehen, wie mutig die Menschen danach demonstrierten, wie sie verhaftet wurden. Bei dieser Reise wurde ich vom Geheimdienst einbestellt und fast drei Stunden lang verhört – nur weil ich ein Interview gegeben hatte, das dem Regime nicht passte. Das hat mich wütend gemacht, diese Unverhältnismäßigkeit! Zuhause in Deutschland habe ich mit anderen die Organisation „aiftaa“ gegründet. Sie unterstützt Künstler im Iran, die ein Arbeitsverbot bekamen, weil sie sich mit der Mahsa-Amini-Bewegung solidarisiert haben. Aber auch solche, die ins Ausland geflohen sind und nun ganz von vorne anfangen müssen.
Können Sie noch in den Iran reisen?
Derzeit nein, das wäre zu gefährlich. Mein Sohn lebt in Deutschland, aber meine Geschwister, Neffen und Nichten sind im Iran. Wann ich sie wiedersehen kann, weiß ich nicht.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Mein Vater war ein hoher Geistlicher, und ich habe den Glauben von innen kennenlernen dürfen. Als Jugendlicher – ich bin der jüngste Sohn von neun Kindern meines Vaters – habe ich ihm mitgeteilt, mit dem Beten und Fasten aufzuhören. Er hat es akzeptiert. Heute spielt der Glaube für mich keine Rolle mehr. Aber ich sehe, dass er für viele Menschen ein wichtiger Anker im Leben ist, daher habe ich nichts gegen Religion.
Wann ist für Sie ein Auftritt gelungen?
Wenn ich als Schauspieler merke, dass die Menschen vor der Bühne mitgehen, mit mir weinen und lachen. Diese besondere Chemie zwischen uns ist ein Erlebnis. Und vielleicht hat sie das Potenzial, die Gesellschaft ein wenig zu impfen gegen Hass und Gewalt.
Interview: Eva-Maria Werner