missio - glauben.leben.geben

Stella Gaitano, 46, ist Autorin, Menschenrechtsaktivistin und Pharmazeutin. Sie wuchs im Sudan auf, musste wegen ihrer Herkunft in den Südsudan emigrieren und nach ihrer Kritik an beiden Regierungen fliehen. 2022 kam sie mit einem Schriftsteller-Stipendium nach Deutschland. Ein Gespräch über Heimat, Fremdsein und den Stoff, aus dem Geschichten sind.

Eine selbstbewusste dunkelhäutige Frau mit geflochtenem Haar steht mit verschränkten Armen im Freien. Sie trägt einen grauen Blazer und eine helle Bluse. Im Hintergrund sind grüne Pflanzen und ein unscharfes Gebäude sichtbar. Die Frau blickt freundlich und entschlossen in die Kamera.
Stella Gaitano, 46, ist Autorin, Menschenrechtsaktivistin und Pharmazeutin.

Frau Gaitano, Sie haben Pharmazie studiert. Wie kommt man da zum Schreiben?

Ich habe schon als Kind Geschichten erfunden. Wenn meine Mutter uns Geschwistern eine Geschichte erzählte, war ich nie mit dem Ende zufrieden. Ich habe mir dann ein anderes ausgedacht, Dinge dazugedichtet und meine Schwestern damit unterhalten. Die mündliche Überlieferung ist in unserer Kultur sehr wichtig. Meine Mutter und Großmutter sind sehr gute Geschichtenerzählerinnen. Und ich glaube, mir liegt das auch im Blut. Nur nehme ich jetzt eben Stift und Papier.

In Darfur haben Sie Bibliotheken eingerichtet. Warum?

Nach der Revolution 2020 im Sudan habe ich dort mit anderen Menschenrechtsaktivisten mit den Opfern der Gräueltaten gesprochen und sie nach ihren Vorstellungen von Justiz gefragt. Wenn man einen Neuanfang will, braucht man einen Übergangsprozess: ein Verfahren, das den Tätern hilft, sich schuldig zu bekennen. Wir wollten das Bewusstsein dafür schärfen. Irgendwann sagte mir ein Jugendlicher: „Wir wollen auch so reden können wie du und helfen, unsere Gemeinschaften weiterzuentwickeln.“ Ich habe geantwortet: „Wenn ihr euren Horizont erweitern wollt, müsst ihr mehr lesen.“ Deshalb habe ich die Initiative „Schenke ein Buch, mach einen Unterschied“ gegründet. Wir haben mehr als 25 000 Bücher gesammelt und 15 Bibliotheken in einem Gebiet eröffnet, wo es keine gab.

Wie wurden Sie zur Menschenrechtsaktivistin?

Mir war immer wichtig, auf das Leid der Menschen aufmerksam zu machen. Ich habe mich vor und nach der Revolution mit Menschenrechtsfragen befasst, weil die Gewalt allgegenwärtig ist. Es gab viele Tote. Wir haben mit Opfern gesprochen und Beweise gesammelt. Damit diese Vorfälle dokumentiert sind, wenn es eines Tages zu Gerichtsverfahren kommt.

Sehen Sie eine Lösung für den Krieg im Sudan?

Die Welt sollte mit dem Sudan befreundete Länder in der Region um Hilfe bitten. Man muss Druck auf die ausüben, die eine der beiden Seiten unterstützen. Zum Beispiel auf die Vereinigten Arabischen Emirate, die die paramilitärischen RSF unter dem Vorwand unterstützen, dass diese Miliz das Interesse der Emirate an Gold und Land im Sudan schützt.

Sie sind in Khartum aufgewachsen, Ihre Eltern stammten aus dem Süden des Landes. Wo fühlen Sie sich zu Hause? 

Schwierige Frage. Der Sudan hat mich geprägt – politisch, sozial, kulturell. Als sich der Südsudan 2011 vom Sudan löste, habe ich meine Heimat verloren. Doch man kann sich nicht wirklich zu Hause fühlen, wenn die Regierung ihre Bürger ungleich behandelt. Sie hat uns Südsudanesen und andere Volksgruppen diskriminiert. Wären die Verantwortlichen klug gewesen, hätten sie die Vielfalt akzeptiert. Stattdessen sagten sie, der Sudan sei ein arabisch-islamisches Land. Als ich 2012 mit meinen zwei Söhnen in den Südsudan einreiste, sprach die Regierung dort von Freiheit. Aber dann hieß es: Solche Artikel brauchen wir nicht! Es war, als hätten sich nur Gesichter und Namen der Täter geändert.

Sind Sie zwischen zwei Ländern hin- und hergerissen?

Wir sind immer noch eins. Ich sehe mich als sudanesische Staatsbürgerin aus dem Süden. Ich will nicht, dass eine Ideologie mir diese Identität nimmt oder bestimmt, wer ich bin.

Für viele Afrikaner scheint die ethnische Zugehörigkeit wichtiger als Gemeinsinn. Wie erklären Sie sich das? 

Warum fühlen sich die Deutschen als Deutsche? Weil sie eine Regierung haben, die ihre Bürger als gleichberechtigt ansieht! Es gibt Gesetze und Rechte, die allen zugutekommen. Deshalb vertrauen die Menschen ihrer Regierung. Bei uns bewirkt die Regierung genau das Gegenteil: Sie spaltet die Menschen. Es gibt Bürger erster und zweiter Klasse. Die Zugehörigkeit zur Ethnie gibt den Schutz, den der Staat nicht leistet.

Fühlen Sie sich in Deutschland willkommen?

Ja, ich fühle mich sicher. Ich wurde in das PEN-Programm „Schriftsteller im Exil“ aufgenommen. In Kamen war gerade eine Wohnung für Stipendiaten frei. Ich fange an, mich dort zu Hause zu fühlen, weil ich viele Freunde habe. Die Leute kennen mich und sind stolz auf mich. Aber wenn ich Politiker höre, die Migration ablehnen oder fordern, Gefüchtete sollten in ihre Heimat zurückkehren, macht mir das Angst.

Sie haben einmal gesagt, man müsse über das Recht sprechen, in seiner Heimat zu bleiben. Konzentriert sich die gesellschaftliche Debatte zu einseitig auf Migration? 

Ich finde, Politik kann sich nicht nur auf die Folgen von Migration konzentrieren und die Ursachen ignorieren. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig. Aber vielen westlichen Ländern ist Ruhe wichtiger als Demokratie. Sie unterstützen autokratische Regierungen, wenn sie Migranten zurückhalten und Stabilität versprechen – und nicht die Zivilgesellschaft.

Ist Schreiben für Sie eine Form von Bewältigung?

Ja. Jedes meiner Bücher habe ich angefangen, als es mir nicht gut ging, als ich Schmerz empfunden habe, erschöpft, hoffnungslos war. Dann nehme ich einen Stift zur Hand. Ich schreibe über die Opfer, um ihre Stimme zu sein. Und ich möchte den Menschen vor Augen führen, was geschehen ist.

In Ihrem Kurzgeschichtenband „Endlose Tage am Point Zero“ oder Ihrem Roman „Eddos goldenes Lächeln“, der im Mai auf deutsch erscheint, schildern Sie einige Szenen sehr sinnlich, fast drastisch. Warum?

Das ist eine Art Markenzeichen von mir, wie ein Fingerabdruck. Ich habe ein Bild vor Augen und versuche, es so wiederzugeben, wie ich es sehe. Ich will meine Protagonisten, ihre Gefühle, ihre Kultur, wie sie mit ihren Problemen umgehen, so genau wie möglich schildern, damit der Leser versteht, was sich in meinem Kopf abspielt.

Eine Frau mit langen, geflochtenen Haaren und Brille steht auf einer Bühne und liest aus einem Buch. Sie trägt einen blauen Blazer und eine rote Bluse. Im Hintergrund ist eine weiße Wand. Das Bild vermittelt eine Atmosphäre des Vorlesens oder der Präsentation.
In ihren Büchern und bei Auftritten erhebt Stella Gaitano ihre Stimme für Menschenrechte. In Kamen arbeitet sie als Beraterin bei der Aidshilfe.

Wo finden Sie den Stoff für Ihre Geschichten?

Meine größte Inspiration sind die Sudanesen: ihre Gesichter, ihre Kunst, ihre Sprachen und Unterschiede. In „Eddo“ geht es unter anderem darum, wie sich Gewalt gegen Frauen im Süden und Norden unterscheidet – Genitalverstümmelung im Norden, Zwangsheirat im Süden. Kultur und Religion sind verschieden. Aber diese Gewalt gibt es überall.

Sie haben viel Schreckliches erlebt. Was gibt Ihnen Halt?

Ich habe mich für diesen Weg entschieden, weil ich die Wahrheit sagen will. Ich weiß, dass das gefährlich ist. Aber Veränderungen geschehen nicht einfach so. Sie sind schmerzhaft. Wenn wir Veränderung wollen, müssen wir auch den Schmerz ertragen. Ich glaube, er kann einem die Kraft geben, weiterzumachen. Und ich glaube, dass es eine Macht gibt, die über uns allen steht, mit der wir alle verbunden sind. Wir können sie nicht beschreiben, aber wir können sie spüren.

Interview: Beatrix Gramlich