Kizito Anguyo, 43, ist Deutscher mit Wurzeln in Uganda. Er arbeitet seit 2019 im Zivilen Friedensdienst in Sierra Leone.
Sierra Leone ist eines der besten Beispiele für religiöse Toleranz, das ich je gesehen habe! Christen haben muslimische Namen, Muslime haben christliche Namen. Viele Priester stammen aus muslimischen Familien. Auch der Bischof von Bo, für den ich sechs Jahre gearbeitet habe, ist als Muslim geboren, als Schüler wurde er katholisch. Seine Eltern bekennen sich weiterhin zum Islam.
Die Weihnachtszeit ist eine Festzeit für alle. Die Muslime besuchen die christlichen Familien und essen zusammen mit ihnen. Und wenn es ein muslimisches Fest gibt, kommen auch die Christen. Vor zwei Monaten ist ein Priester gestorben. Der Imam kam in die Kirche und folgte allen Ritualen, sogar am Grab.
Armut und Korruption
Natürlich gibt es viele Herausforderungen. Die Armut ist groß, auch die Korruption stellt ein Problem dar. Bis vor Kurzem konnten Frauen kein Land besitzen, sie waren rechtlos in der Familie, viele haben sexuelle Gewalt erfahren. Wir als Kirche unterstützen sie auch juristisch, aber es ist noch ein langer Weg. Dringend wäre der Bau von Frauenhäusern, in denen sie sicher sind und sich ein neues Leben aufbauen können.
Was mir Hoffnung gibt, ist der Wunsch junger Menschen, sich für den Frieden einzusetzen. Es gibt viele Einflüsse von außen, religiöse Extremisten versuchen, die Leute aufzuwiegeln, auch in den Sozialen Medien. Aber Sierra Leone hat Lehren aus dem brutalen Bürgerkrieg gezogen, der vor 25 Jahren endete. Auch die religiösen Führer arbeiten zusammen, um Extremismus zu bekämpfen und religiöse Toleranz zu bewahren. Staat und Kirche investieren sehr viel in Bildung. Das wird jungen Menschen helfen, sich eine gute Zukunft aufzubauen. Es gibt wirklich viele Hoffnungszeichen.
Wenn es etwas gibt, das all dies zerstören kann, dann ist es die Politik. 2028 sind Wahlen in Sierra Leone. Politiker könnten die Stammesunterschiede nutzen, um politisch Punkte zu sammeln und die Menschen zu spalten. Wir Katholiken müssen Aufklärungsarbeit leisten und Werte fördern, die die Einheit im Land stärken. Aber ich glaube, dass die Kirche sich dessen bewusst ist. Die Bischöfe haben einen guten Blick für die Probleme des Landes und wissen, dass die Kirche aktiv werden muss, bevor etwas Schlimmes passiert.
Aufgezeichnet von Christina Brunner