Pater Girish Santiago, 58, ist Superior der Jesuiten in Myanmar. Der Inder engagiert sich für Binnenvertriebene und baut gemeinsam mit missio Bildungs- und Hilfsprojekte auf. Er ist Gast im Monat der Weltmission.
Myanmar ist die Heimat meines Glaubens. Meine Großeltern kamen als Landarbeiter aus Indien hierher, meine Eltern und meine drei älteren Geschwister wurden in Myanmar geboren und wuchsen als Katholiken auf. Doch 1962 zwang das Militärregime alle nicht-burmesischen Familien zur Flucht. Meine Eltern mussten alles zurücklassen. Sie verkauften das Wenige, was sie tragen konnten, und gingen mit ihren drei Kindern ins Ungewisse.
Vertreibung ist nichts Neues
Vertreibung ist für mich daher nichts Neues. Meine Eltern haben alles verloren und uns doch gelehrt, niemals zu verzweifeln. Ich selbst wurde 1967 in einer Gemeinde im südindischen Tamil Nadu geboren, die uns aufgenommen hatte. Jahrzehnte blieb Myanmar für mich ein fernes Land. Erst 2015, bei einem Besuch von Verwandten, die noch dort lebten, spürte ich den Ruf zur Rückkehr. Als ich den Boden berührte, auf dem meine Eltern geboren wurden, habe ich gebetet und geweint.
Ein Jahr später, als junger Jesuit, folgte ich diesem Ruf, obwohl ich in Indien gerade ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen aufgebaut hatte. Meine Arbeit zu verlassen war schmerzhaft. Aber Christus schickt uns auf eine Mission, und dem wollte ich mich nicht verweigern.
Seit 2016 lebe ich im Norden Myanmars, im Kachin-State, einer Region, die von Bürgerkrieg, Überschwemmungen und Hunger gezeichnet ist. Bis 2022 habe ich dort am St. Luke’s College Homiletik, kritisches und kreatives Denken sowie katholische Soziallehre unterricht – und meine Studierenden regelmäßig mit in die Lager der Binnenflüchtlinge genommen. Theorie und Praxis müssen zusammenkommen. Nur wer das Leid sieht, kann handeln. Neben Burmesisch habe ich die Sprache der Kachin-Minderheit gelernt und ein Lehrbuch geschrieben, um ihre Identität und Kultur zu bewahren.
Wie halte ich durch angesichts des Militärputsches, angesichts von Armut und Angst? Statt die Dunkelheit zu verfluchen, zünde ich eine Kerze an. Hoffnung ist stärker als Angst. Unter jeder meiner E-Mails steht mein Lebensmotto „Enable the disabled – Live, let live, make live“, „Befähige die Benachteiligten, lebe, lass andere leben und fördere neues Leben.“
Aufgezeichnet von Nataliia Datskevych