Seit dem Militärputsch im Februar 2021 versinkt Myanmar in Gewalt und Chaos. Viele Menschen haben Angehörige verloren, leben in Flüchtlingscamps und sehen keine Zukunft für sich. Die Kirche bleibt an ihrer Seite, selbst unter schwierigsten Bedingungen.
Die kontinente-Reportage zum Weltmissionssonntag 2025 .
Schüsse zerreißen die Stille über Loikaw. Menschen fliehen in Panik. Hunderte suchen Schutz auf dem Gelände der Kathedrale. Sie stehen unter Schock, sind völlig verängstigt. Der Bischof von Loikaw, Celso Ba Shwe, zögert nicht. Er öffnet die Türen, bringt Geflüchtete im Pastoralzentrum und im Priesterseminar unter und hofft, dass sich die Lage wieder beruhigt. Loikaw im Osten Myanmars ist die Hauptstadt des Kayah-Staates. Viele Angehörige der ethnischen Minderheit der Karenni leben hier, überwiegend Katholiken und Baptisten. Nach dem Putsch 2021 bildet sich hier wie in vielen Regionen Myanmars Widerstand gegen die Militärjunta. Deren Soldaten greifen immer wieder gezielt christliche Dörfer an, bombardieren Schulen, Kirchen und Krankenhäuser.
Im November 2023 gerät die Stadt ins Kreuzfeuer zwischen Militär und Widerstandsgruppen, die eine gemeinsame Offensive gegen die Regierungsarmee begonnen haben. „Mit einem solchen Gewaltausbruch in der Stadt hatten wir nicht gerechnet“, erzählt Bischof Shwe, ein ruhiger, bescheidener Mann, der eine weiße Soutane und Sandalen trägt. Erst wenige Monate zuvor war er zum Bischof geweiht worden. Als sich die Kämpfe in der Stadt zuspitzen, organisiert der Bischof die Evakuierung der Menschen, die auf dem Kirchengelände Zuflucht gesucht haben. Er selbst will mit einigen Priestern und Schwestern bleiben, um Kathedrale und Bischofssitz zu schützen. Doch dann fallen Schüsse auf dem Grundstück. Eine Granate schlägt ins Pastoralzentrum ein. Soldaten der Militärjunta besetzen das Kirchengelände. Schließlich muss auch der Bischof fliehen.
Seitdem lebt er bei den Menschen im Dschungel oder in Flüchtlingscamps. 160 solcher Lager in der Region werden von der Kirche betreut. 150.000 Vertriebene haben dort Zuflucht gefunden: unter Bambusstangen, mit Planen überspannt, daneben Kochstellen aus Lehm und Stein. Doch selbst solche Lager werden von der Militärjunta bombardiert. Trotz der Bedrohung kümmert sich die Kirche um Hilfe, vor allem um Nahrungsmittel, um das Überleben der Menschen zu sichern. „Als ich aus Loikaw floh, rieten mir viele, an einen sicheren Ort zu gehen, wo es keine Kämpfe gibt“, erzählt der Bischof. „Aber wie kann ich meine Leute verlassen?“
Bei den Schwestern vom Guten Hirten vor den Toren der alten Königsstadt Mandalay im Norden Myanmars rattern Nähmaschinen, klappern Haarscheren, duftet Massageöl. Im Rose-Virginie-Zentrum erhalten Mädchen aus ethnischen Minderheiten eine solide Ausbildung. Oft kommen sie aus Bürgerkriegsregionen, in denen Armeen der Volksgruppen gegen die Militärjunta kämpfen. Der Zugang zu guter Bildung ist schwierig, denn die Zentralregierung vernachlässigt diese Gebiete systematisch. Die verschiedenen Sprachen und der unterschiedliche kulturelle Hintergrund der jungen Frauen, die hier ausgebildet werden, erschweren den Start zusätzlich. Anna* fühlte sich nach ihrer Ankunft in Mandalay lange einsam. Die 17-Jährige mit dem offenen Lächeln und dem dunklen Pony verstand die Sprache ihrer Mitschülerinnen nicht und hatte Schwierigkeiten, Freundinnen zu finden. Doch für ihren Traum, Textildesignerin zu werden, hat sie ihre Heimat verlassen. „Wir wollten eine Berufsausbildung für Mädchen aus benachteiligten Gemeinschaften anbieten“, sagt Schwester Regina Htoo Htoo, die mithalf, das Zentrum 2016 zu gründen.
„Jedes Jahr nehmen wir 50 junge Frauen auf, die bei uns eine Ausbildung zur Schneiderin, Kosmetikerin oder Friseurin machen können“, erklärt Schwester Regina, die die Mädchen auch psychologisch begleitet. Viele der jungen Frauen sind geflohen, haben Gewalt oder den Verlust von Angehörigen erlebt. Manche haben kaum Kontakt zu ihren Familien, weil die in Flüchtlingscamps leben und es dort keinen Handyempfang gibt. Schwester Regina hilft ihnen, mit der Trennung und Unsicherheit umzugehen. Anna besucht den Schneiderinnenkurs. „Ich liebe es zu nähen“, erzählt sie. Besonders mag Anna „Longhis“, die traditionellen Wickelröcke aus Baumwolle oder Seide. Ihre anfängliche Einsamkeit hat die junge Frau schnell überwunden. „Als ich krank war, haben sich alle sehr um mich gekümmert, wie in einer Familie“, erzählt sie. Anna träumt davon, Designerin für traditionelle Kleidung zu werden und ein eigenes Geschäft zu eröffnen.
Von Bettina Tiburzy
*Den Namen haben wir zum Schutz der Betroffenen geändert.