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Zwischen den Welten
Flüchtlinge aus Myanmar in Thailand

Text: Bettina Tiburzy; Fotos: Hartmut Schwarzbach

Familie Zin flieht wie Tausende andere vor der Gewalt in Myanmar nach Thailand. Seither lebt sie in einem isolierten Flüchtlingslager nahe der Grenze. Die Kirche tut alles, um den Menschen dort ein Leben in Würde zu ermöglichen – auch wenn das immer schwieriger wird. 

Ein guter Zuhörer

Vorsichtig balanciert Pfarrer Dominico über die wackelige Bambusbrücke. Er ist auf dem Weg zu Anne Zin* und ihren Kindern. Erst vor wenigen Tagen sind die vier vor den Bomben der Militärjunta aus Myanmar geflohen. Nun leben sie in Thailand in einem Flüchtlingslager. Die Familie sitzt auf einer Matte im Schatten der Bäume, erschöpft, aber einen Moment zur Ruhe gekommen. Pfarrer Dominico hockt sich zu ihnen. Anne beginnt leise von ihrer Flucht zu erzählen. Der Priester versteht ihre Sprache Karenni, was ihr das Sprechen erleichtert. Er hört geduldig zu, nickt, stellt behutsame Fragen. 

Pfarrer Dominico oder Nya Reh, wie er in seiner Muttersprache Karenni heißt, ist ein guter Zuhörer. Seine sanfte Art macht es den Menschen leicht, sich zu öffnen. Seit 16 Jahren begleitet er geflüchtete Menschen in den Lagern Ban Mai Nai Soi und Ban Mae Surin in Thailand, in denen insgesamt 13.000 Menschen leben. Die meisten gehören zur ethnischen Gruppe der Karenni, so auch der 49-Jährige. Sein Bischof hat ihn in die Lager geschickt, wo er eng mit dem Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) zusammenarbeitet. Er stammt aus dem Bistum Loikaw, genau wie Anne Zin und ihre Kinder. 

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Boden. Um sie herum sind vier Kinder, die aufmerksam zuhören. Die Frau spricht, während der Mann nahe bei ihr sitzt und freundlich schaut. Im Hintergrund sind einfache Holzwände, Plakate und einige Kleidungsstücke zu sehen.
Clare Aung lebt mit ihren Kindern in einer Notunterkunft am Hang. Sie sind neu im Camp und müssen sich schnell eine neue Unterkunft besorgen, denn in der Regenzeit ist es hier zu gefährlich. Der burmesische Priester Dominico Nya Reh (r.) steht ihnen bei.

Aus Myanmar geflohen, in Thailand nicht willkommen

Ein kleines, grünes Kirchengebäude mit einem spitzen Dach. Über dem Eingang steht der Schriftzug "The Sacred Heart of Jesus Church". Umgeben von üppiger Vegetation und einigen Bäumen, vermittelt die Szene einen ruhigen, naturverbundenen Eindruck.
Abgeschieden, im Regenwald, an der Grenze zu Myanmar - das ist die Lage des Flüchtlingslagers, in dem sich diese Kirche befindet.

Die drei Kinder sind still. Tochter Sarah*, 15, wischt sich die Tränen aus den Augen. Paul* starrt abwesend vor sich hin. Er stehe noch unter Schock, sagt die Mutter. Flugzeuglärm löst in dem 13-Jährigen Panik aus. Kampfjets hatten ihr Zuhause bombardiert, selbst im Flüchtlingslager in Myanmar waren sie nicht sicher. Als die Einschläge näher rückten, floh die Familie über die Grenze. „Jetzt seid ihr in Sicherheit. Hier gibt es keine Bomben und Granaten“, beruhigt Pfarrer Dominico die Kinder. 

Das Flüchtlingslager Ban Mae Surin liegt isoliert an der Grenze zwischen Thailand und Myanmar, fernab jeder Infrastruktur. Viele Menschen sind bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren vor bewaffneten Konflikten in Myanmar nach Thailand geflohen. Hier dürfen sie nicht arbeiten und sind auf die Unterstützung der UN und von Hilfsorganisationen angewiesen. Seitdem leben sie in einer Zwischenwelt: geflohen aus Myanmar, aber in Thailand nicht willkommen. Kurz keimte mit der Demokratiebewegung unter Aung San Suu Kyi die Hoffnung auf Rückkehr auf. Doch der Militärputsch 2021 machte alles zunichte. 

Monate auf Hilfe warten

Tausende sind seither vor der Gewalt der Junta über die Grenze geflohen. Doch Thailand erkennt die Flüchtlinge nicht offiziell an. Darum kann Anne Zins Familie im Lager nicht von der UN registriert werden. Ihr Alltag wird zum Überlebenskampf, denn bis zur ersten Lebensmittelhilfe kann es sechs Monate dauern. In der Zwischenzeit leiht sie sich Geld für Essen, erhält gebrauchte Kleidung von Nachbarn, die auch beim Bau einer Hütte aus Bambus und Palmzweigen mit anpacken. Eine schwankende Brücke führt dorthin. Anne hofft, dass ihre Kinder bald zur Schule gehen können. Pfarrer Dominico hilft ihr, die richtigen Ansprechpartner zu finden. 

Der JRS unterstützt seit Jahren Geflüchtete in der Region mit Nothilfe, psychosozialer Betreuung und Bildungsarbeit, auch mithilfe von missio. Gemeinsam mit der Karenni-Bildungsbehörde hat der JRS Schulen in den Lagern aufgebaut. Dort wird in der Sprache und Kultur der Geflüchteten unterrichtet. Ziel ist es, Kindern gute Bildung und den Familien neue Perspektiven zu ermöglichen. Thai ist nicht erlaubt. Integration wird von der thailändischen Regierung nicht unterstützt. 

 

*Zum Schutz der Betroffenen haben wir die Namen geändert.

Eine Gruppe von vier Personen sitzt auf einer Bank vor einer Holzwand. Ein Mann in schwarzer Kleidung und mit einem Kreuz um den Hals spricht mit einem jugendlichen Jungen. Neben ihnen sitzen zwei weitere Kinder, die in verschiedene Richtungen schauen. Die Atmosphäre wirkt nachdenklich und konzentriert.
Pfarrer Dominico macht Luke und seinen Geschwistern Mut. Sie sind Vollwaisen.
Das Bild zeigt ein Klassenzimmer mit einer Lehrerin, die an einer Tafel steht und etwas aufschreibt. Vor ihr sitzen viele Kinder, die aufmerksam sind und Notizen machen. Die Wände sind mit Lernmaterialien und Zahlenplakaten ausgestattet. Das Klassenzimmer wirkt einfach und rustikal.
Schule im Flüchtlingscamp: Die Kinder lernen Karenni und bewahren so ein Stück ihrer Sprache und kulturellen Identität.

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