Ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien am 8. Dezember 2024 sieht das katholische Hilfswerk missio Aachen immer noch große Defizite bei der politischen Teilhabe aller Religions- und Bevölkerungsgruppen. „Wir ziehen eine eher ernüchternde Bilanz. Zwar sind die Kirchen geöffnet und Christen können ihren Glauben leben, doch fühlen sie sich wie Bürger zweiter Klasse, die vom Aufbau eines neuen Syriens ausgeschlossen sind“, sagte missio-Präsident Pfarrer Dirk Bingener in Aachen.
„In einigen Regionen gaben die Behörden beschlagnahmten Kirchenbesitz zurück und kooperieren mit Kirchenvertretern. Das sind aber leider nur Einzelfälle. Insgesamt bezweifeln die Christen im Land den Reformwillen der neuen Regierung“, berichtet Bingener weiter. Auch die Wahlen im vergangenen Herbst hätten das Vertrauen nicht gestärkt, da kaum Christen im Parlament vertreten seien.
Konservativ-islamistische Kräfte prägend zunehmend die Öffentlichkeit
Die Christen in Syrien beobachten zunehmend, dass konservativ-islamistische Kräfte mit radikalen Ansichten das öffentliche Leben in Bildungseinrichtungen und Verwaltung prägen. Zwar ist dies in großen Städten bisher weniger spürbar, aber im ländlichen Raum stehen Christen und andere Minderheiten deutlich unter Druck. Die neue Regierung konnte auch Gewalt, die islamistische Gruppen gegen Christen und andere Minderheiten verüben, nicht verhindern. In der Provinz Suwayda etwa wurden 36 Dörfer geräumt, Häuser geplündert und Kirchen niedergebrannt. Sechs Dörfer sind völlig zerstört.
Christen sehnen sich nach Stabilität und Sicherheit
„Die Christen in Syrien sehnen sich nach Stabilität, Sicherheit und politischer Teilhabe. Diese Punkte sind Prüfsteine für die neue Regierung ein Jahr nach dem Sturz Assads. Gelingt es ihr nicht, die Lage glaubwürdig und spürbar zu verbessern, werden noch mehr Christen überlegen, ob sie in diesem Land bleiben können“, warnt Pfarrer Bingener.
Syrien leidet weiterhin unter dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, einem schwachen Arbeitsmarkt, hohen Lebenshaltungskosten und einem kaum funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystem. „Der Wiederaufbau wird nur schrittweise gelingen. Voraussetzung dafür ist die Reformbereitschaft der neuen Regierung. Die internationale Politik muss diese daher immer wieder einfordern", ist Pfarrer Bingener überzeugt.