Das katholische Hilfswerk missio Aachen warnt vor einer besorgniserregenden Zunahme von Gewalt gegen Frauen, Kinder und ältere Menschen, die als vermeintliche Hexen stigmatisiert werden. „Dieses schreckliche Thema gehört keineswegs der Vergangenheit an – es ist bittere Realität für tausende Menschen weltweit. Wir brauchen eine professionelle Betreuung der Betroffenen, gute Präventionsarbeit und den politischen Willen von Regierungen, diesen Menschenrechtsverletzungen entgegenzuwirken“, fordert Dr. Gregor von Fürstenberg, Vizepräsident von missio Aachen, anlässlich des Internationalen Tags gegen Hexenwahn am 10. August.
„Wenn es in den betreffenden Ländern Gesetze gibt, die solche Taten unter Strafe stellen, müssen sie konsequent angewendet werden. Die Täter müssen bestraft werden und die Opfer dürfen nicht vergessen werden“, ergänzte Dr. von Fürstenberg.
Internationaler Tag gegen Hexenwahn – missio-Projekte schützen rund 3.300 Betroffene
Zum Internationalen Tag gegen Hexenwahn (10. August) präsentiert missio Aachen eine aktualisierte Weltkarte, die Gewalttaten gegen vermeintliche Hexen in 46 Ländern verzeichnet. Neu hinzugekommen ist Niger, wo nun ebenfalls solche Fälle nachgewiesen wurden. Im Juli starteten kirchliche Partner von missio Aachen ein Projekt in dem Land, bei dem über 800 Betroffene betreut werden. In den vergangenen sechs Jahren hat das Hilfswerk mit rund 660.000 Euro Projekte gegen Hexenwahn gefördert, beispielsweise in Papua-Neuguinea, Benin, Ghana, Tansania oder Niger. Über 3.300 Menschen erhielten Schutz, medizinische Versorgung, Unterkunft oder psychosoziale Hilfe – für viele war es buchstäblich eine Rettung in letzter Minute.
In Papua-Neuguinea rettet Schwester Lorena über 350 Frauen aus Lebensgefahr
Ein Beispiel für wirksame Hilfe ist das „House of Hope“ in Papua-Neuguinea. Unter der Leitung von Schwester Lorena Jenal hat das Team bereits über 350 Frauen aus Lebensgefahr gerettet. Das Schutzhaus bietet rund um die Uhr medizinische und psychologische Betreuung. In Benin engagiert sich der missio-Projektpartner Père Auguste mit 100 Freiwilligen für sogenannte Hexenkinder, die von ihren Familien verstoßen oder bedroht werden. Gemeinsam haben sie ein Schutzgesetz durchgesetzt, das Täter abschreckt und Dörfer befriedet. „Mutige Männer und Frauen aus der Kirche im globalen Süden stehen an der Seite der Betroffenen. Sie leisten Außergewöhnliches – oft unter Lebensgefahr. Dafür brauchen sie unsere Solidarität, im Gebet und auch ganz praktisch. Wir bei missio Aachen werden weiterhin Projekte gegen Hexenwahn fördern“, sagte Dr. von Fürstenberg.
Experte: Seit 1960 mindestens 55.000 Menschen wegen vermeintlicher Hexerei getötet
Das Ausmaß dieser Art von Menschenrechtsverletzung ist noch zu wenig bekannt, meint Dr. Werner Tschacher. Laut dem Historiker wurden seit 1960 weltweit mindestens 55.000 Menschen wegen angeblicher Hexerei getötet – mehr als während der Zeit der neuzeitlichen Hexenprozesse in Europa. In Papua-Neuguinea starben in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 3.000 Menschen nach solchen Vorwürfen. „Angesichts von Klimakrise, Ressourcenkämpfen, Epidemien und Hunger erwarte ich steigende Opferzahlen, da in unter Druck stehenden Gesellschaften Sündenböcke gesucht und gefunden werden“, prognostiziert der Historiker in einem Interview mit missio Aachen.