Während islamistischer Terror und Machtkämpfe Westafrika erschüttern, bleibt der Senegal eine bemerkenswerte Ausnahme. Das Land wahrt weitgehend die Religionsfreiheit, religiöse Toleranz und gesellschaftlicher Zusammenhalt prägen den Alltag. Zu diesem Schluss kommt das Heft „Senegal“ aus der Reihe „Länderbericht Religionsfreiheit“ des Internationalen katholischen Hilfswerks missio Aachen, das heute vorgestellt wurde.
„Der interreligiöse Dialog und das politische Modell Senegals sichern eine außergewöhnliche Stabilität. Doch angesichts aktueller Herausforderungen müssen sie sich bewähren“, betont Pfarrer Dirk Bingener, Präsident von missio Aachen.
Ein tief verwurzeltes Miteinander von Muslimen und Christen
Im Gegensatz zu Nachbarstaaten wie Mali, Burkina Faso, Tschad oder Nigeria bleibt der Senegal – mit rund 19 Millionen Einwohnern – von religiös motivierter Gewalt weitgehend verschont. Das Fundament dieser Stabilität bildet laut Länderbericht ein tief verwurzelter Geist des Miteinanders zwischen Muslimen und Christen, geprägt durch den Sufismus, eine spirituelle Strömung des Islams. Die Mehrheit der sunnitischen Bevölkerung gehört solchen sufistischen Gemeinschaften an, die Frieden, Spiritualität und Gottesnähe in den Mittelpunkt stellen. Diese sogenannten Bruderschaften prägen das öffentliche Leben und fördern Offenheit sowie gegenseitigen Respekt. Christen, eine kleine Minderheit, sind selbstverständlich in die Gesellschaft integriert und gestalten das öffentliche Leben aktiv mit.
„Die senegalesische Ausnahme ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Austauschs eines ganzen Volkes in der Begegnung mit unterschiedlichsten Ideen“, erklärt Sr. Anne Béatrice Faye aus Dakar, Autorin des Länderberichts. Religiöse Führungspersönlichkeiten hätten einen „Geist der Koexistenz“ geschaffen, der bis heute trägt. Auch die Politik unterstützt diese Haltung: 2023 stellte der damalige Präsident Macky Sall klar, radikaler Islamismus habe im Senegal „keinen Platz“.
Interreligiöser Dialog prägt Alltagskultur
Diese Kultur bewährt sich vor allem im Alltag, wie die Autorin des Berichtes betont: Geistliche verschiedener Religionen agieren als „Brückenbauer“, beraten einander, vermitteln in Konflikten und treten gemeinsam bei öffentlichen Veranstaltungen auf. Schulen und Universitäten fördern an ihren Bildungseinrichtungen zielgerichtet das Zusammenleben der Religionen. In der kommunalen Jugendarbeit arbeiten Muslime und Christen Hand in Hand. Ein starkes Symbol dieser Kultur ist für Sr. Anne Béatrice das gemeinsame Fastenbrechen (Ndogou) im Ramadan – „ein Ort der Begegnung und freiwilligen Solidarität“.
Trotz aller Stabilität sieht sie aber auch Handlungsbedarf, ein Beispiel: Kinder traditioneller Koranschulen (Daaras) leiden oft unter Armut und Ausbeutung. Da ihre Ausbildung staatlich kaum anerkannt wird, fehlen berufliche Perspektiven. Hier seien Reformen dringend nötig, auch um eine mögliche Radikalisierung dieser jungen Menschen vorzubeugen.
missio Aachen unterstützt die Kirche im Senegal in der interreligiösen Zusammenarbeit, der Seelsorge und sozialen Projekten. In den vergangenen fünf Jahren stellte missio dafür rund 950.000 Euro bereit.