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Corona in Westafrika

In den Ländern der Sahelregion leiden die Menschen seit langem unter Armut, Hunger und islamistischem Terror. Jetzt kommt noch die Coronapandemie hinzu. Viele Afrikaner nehmen die gesundheitlichen Gefahren durch das Virus allerdings kaum wahr. Sie sorgen sich angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise vielmehr um ihre Existenz.

Die katholische Kirche tut ihr Möglichstes, den Menschen beizustehen.

Zu anderen Menschen auf „soziale Distanz“ zu gehen, das ist für den Straßenverkäufer in Lagos oder für die Marktfrau an ihrem Gemüsestand in Accra eine absurde Vorstellung. Suchen sie doch die Nähe zum Menschen, um etwas zu verkaufen. Millionen Menschen in afrikanischen Ländern haben schlichtweg nichts zu essen, wenn sie einen Tag nicht ihrer Arbeit als Schuhputzer, Motorradtaxifahrer oder Zeitungsverkäufer nachgehen können.

Szene auf Markt mit vielen Kunden, Nigeria. Foto: Hebron Giwa
Markt zu Corona Zeiten in Yola, Nigeria.

Soziale Absicherung und feste Gehälter gibt es in diesem informellen Wirtschaftsbereich nicht. Diese Menschen kämpfen um ihr Überleben, seit die Coronakrise den afrikanischen Kontinent erreicht hat und Länder teils rigorose Ausgangssperren verhängt haben.

Die Epidemie erreicht Afrika mit zeitlicher Verzögerung

Zeitweise sah es so aus, als seien afrikanische Länder von der Coronapandemie weitaus weniger betroffen als Europa oder die USA. Kletterte die Zahl der gemeldeten Infektionen in Deutschland im März 2020 in die Höhe, meldeten Länder wie Nigeria, Senegal oder Niger nur vereinzelt Fälle. Das Coronavirus erreichte Afrika mit zeitlicher Verzögerung. Mittlerweile sind in allen afrikanischen Ländern Menschen positiv auf Corona getestet worden und die Zahlen steigen drastisch an.

Die Bedrohung durch das Virus ist allerdings nur eine von vielen. Denn viele westafrikanische Staaten befinden sich in einer angespannten Sicherheitslage. Islamistische Terrorgruppen breiten sich in immer mehr Ländern aus. In Burkina Faso, das lange als stabiles friedliches Land galt, verübten sie in den letzten Jahren zahlreiche Angriffe. Tausende Menschen mussten fliehen. Im Norden des Landes schlossen Schulen, Krankenhäuser und Gesundheitsstationen aus Sicherheitsgründen.

Terrorgruppen nutzen Krise

In Nigeria ist die Terrorgruppe Boko Haram weiter aktiv. Im März töteten die Islamisten in Nigeria und im benachbarten Tschad mehr als hundert Soldaten. Die Angst ist groß, dass die Fundamentalisten die Coronakrise nutzen könnten, um Länder gezielt weiter zu destabilisieren.

Steigende Infektionszahlen

In Afrika schien sich das Coronavirus lange nur langsam auszubreiten. Es dauerte 98 Tage, bis die ersten 100.000 Fälle erreicht waren. Doch dann stiegen die Infektionszahlen schnell. Im Juni 2020 meldete die WHO, die Fallzahlen hätten sich in nur 18 Tagen von 100.000 auf 200.000 verdoppelt.

Foto: Hebron Giwa/missio

Corona in verschiedenen Ländern Westafrikas

Jungen in Golgraeber Minen in Burkina Faso.

Burkina Faso

MEHR

Nigeria

MEHR
Schwester mit Kindern in Niger

Niger

MEHR

Ghana

MEHR
Schwer bewaffneter Polizist in Nigeria. Foto Bettina Tiburzy/missio

Unverhältnismäßige Polizeigewalt

Nicht nur die Angriffe der Islamisten setzen der Bevölkerung in vielen Regionen Westafrikas vehement zu. Das teils unverhältnismäßig gewalttätige Vorgehen von Polizei und Sicherheitskräften trägt ebenfalls dazu bei, dass das Vertrauen der Menschen in ihre Regierungen weiter schwindet.

Als im März in Teilen Nigerias wegen der Coronaepidemie eine Ausgangssperre verhängt wurde, starben bei ihrer Durchsetzung 18 Menschen durch die Gewalt von Sicherheitskräften. Die Zahl der Toten überstieg zu jenem Zeitpunkt die ermittelte Anzahl der Toten durch das Coronavirus in Nigeria.

Immer mehr Menschen von Hunger bedroht

Aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage und des katastrophalen Einbruchs der Wirtschaft fürchten in Westafrika immer mehr Menschen um ihre Existenz. Nach Angaben der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) könnte die Zahl derer, die von Hunger bedroht sind, zwischen Juni und August 2020 von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen.

Martfaru auf leerem Markt zu Corona Zeiten in Nigeria. Foto: Hebron Giwa/missio
Leerer Markt zu Corona Zeiten in Yola, Nigeria.

Der Infektiologe und Tropenmediziner Professor Dr. August Stich leitet die Tropenmedizinische Fachabteilung am Klinikum Würzburg Mitte. missio sprach mit ihm über Auswirkungen der Corona-Pandemie in afrikanischen Ländern. Mehr lesen »

Kirchliche Hilfe von missio für über 80 Familien in Nigeria. Foto: Hartmut Schwarzbach/missio
Hartmut Schwarzbach/missio

Katholische Kirche bietet Hilfe an

In dieser Krise kann die katholische Kirche Westafrikas eine bedeutende Rolle spielen, denn sie ist mit ihrem Netzwerk in fast jedem Dorf präsent. Sie findet Gehör bei den Menschen, die oft kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr vertrauen als ihrer Regierung. Sie kann irreführenden Falschmeldungen über die Epidemie entschieden entgegentreten und wichtige Informationen, wie man sich vor Ansteckung schützen kann, weitergeben.


Bereits jetzt ruft die katholische Kirche ihre Mitglieder auf, in der Krise solidarisch zu sein und ärmeren Gemeindemitgliedern zu helfen. In vielen Ländern Westafrikas verteilen Kirchenvertreter Lebensmittel und Hygieneartikel. Die Bischöfe Nigerias, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, boten der Regierung an, dass alle katholischen Krankenhäuser und Kliniken für die Behandlung von Coronapatienten genutzt werden können.


Kaum eine andere Organisation kann durch ihr starkes Netzwerk der Solidarität so vielen Menschen zur Seite stehen und Mut machen wie die katholische Kirche. Der Erzbischof von Abuja, Ignatius Kaigama, brachte es auf den Punkt: „Im Moment erscheint uns alles nur düster und beängstigend. Aber wir geben niemals auf. Wir haben in der Vergangenheit gemeinsam größere Herausforderungen bewältigt. Diese wird nicht anders sein, vorausgesetzt, wir stehen zusammen.“

Wie sich die Coronakrise in afrikanischen Ländern entwickelt ist schwer vorhersagbar. Darum hat missio Partnerinnen und Partner gebeten, zu berichten, wie sie durch diese schwere Zeit kommen. In einer Art Online-Tagebuch mit selbst aufgenommenen Videos, Textnachrichten und Fotos.
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