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Kibera-Geschichten

Drei Menschen aus Kibera erzählen von ihrem Leben im größten Slum Nairobis, von Hoffnungen und Träumen und wie sie trotz vieler Herausforderungen für andere da sein möchten.

Ein Herz für Straßenkinder

LINET MBOYA, PFLEGEMUTTER

Eines Tages folgte mir ein Junge auf der Straße. Vielleicht ein Dieb, dachte ich, und hielt meine Tasche eng an mich gedrückt. Ich fragte ihn: „Warum läufst du hinter mir her?“ Der Junge bat um Geld. Er lebe auf der Straße und wolle sich Seife kaufen. Ich gab ihm 50 Schilling. Aber er folgte mir weiter. Ich nahm ein Matatu, einen der Taxibusse. Er stieg hinter mir in das Auto.

„Was machst du?“, fragte ich. „Ich folge dir“, sagte er. „Wohin?“, fragte ich. „Ich kenne dich nicht. Du kennst mich nicht.“ Aber er ließ nicht locker. Er lief mir den ganzen Weg bis nach Hause hinterher. Schließlich sagte ich zu ihm, es sei okay. Er könne bleiben.

Linet Mboya ist allein erziehende Mutter in Kibera, Nairobi. Hartmut Schwarzbach/missio
Linet Mboya ist alleinerziehende Mutter und versorgt neben ihren drei eigenen Kindern noch allein gelassene Straßenkinder.

Abubakar war das erste Straßenkind, das ich aufnahm. Der Junge war dreizehn Jahre alt. Ich habe selbst drei Kinder, zwei Söhne und eine kleine Tochter. Ich lebe von Gelegenheitsjobs. Ich gehe bei Leuten putzen, wasche ihre Kleidung. Manchmal arbeite ich auch in einem Büro am Empfang. Jeden Tag sehe ich Kinder am Straßenrand. Manche sind barfuß. Viele haben seit Tagen nichts gegessen. Ich meldete Abubakar in einer Schule an. Er ist ein guter Schüler, bekam sogar ein Stipendium.

Seither habe ich immer wieder Kinder aufgenommen. Ich glaube, von da an hatte ich einfach die Leidenschaft, mich um sie zu kümmern. Ich habe sogar eine Organisation dafür gegründet. Sie heißt „TATUA SOULS“. Das ist ein Begriff aus der Kisuaheli-Sprache und bedeutet so viel wie „Lösung für unsere Probleme in Kibera“. Ich frage mich immer, was wird aus den Kindern, wenn ich ihnen mit dem wenigen, was ich habe, nicht helfen kann

 Blick über die Dächer von Kibera. Das Armenviertel ist eines der groessten in Afrika. Hartmut Schwarzbach/missio
Blick aus dem Fenster von Linets Haus über die Dächer von Kibera . Der Slum ist eines der größten Armenviertel Afrikas.
Evans Otieno in Kibera in Nairobi. Foto: Brian Otieno/missio
Evans Otieno in Kibera, Nairobi.

Leidenschaft für Comedy

EVANS OTIENO, STUDENT

Früher gab es in Kibera viel mehr Kriminalität. Man konnte nicht mit dem Handy in der Tasche gehen, ohne dass es gestohlen wurde. Heute hat sich das geändert. Wir haben jetzt gute Straßen. Auch in hygienischer Hinsicht hat sich einiges verbessert. Ich kann nicht sagen, dass die Dinge perfekt sind, aber sie haben sich deutlich verbessert.

Ich bin der Erstgeborene in einer fünfköpfigen Familie. Als Ältester trage ich eine große Verantwortung, da alle zu mir aufschauen. Ich gehe aufs College, um einen Beruf zu erlernen, der mir in Zukunft etwas zu essen bringt. Doch ich habe auch eine große Leidenschaft für Schauspiel und Comedy. Das hat sich negativ auf meine Ausbildung ausgewirkt, denn ich habe mich mehr auf mein Talent als auf meine akademischen Fähigkeiten konzentriert. Ich hatte eine Krise.

Pater Firmin Koffi hat mir geholfen, mich beraten und die Depres-sion lässt langsam nach. Ich hoffe, dass Gott es mir eines Tages ermög-lichen wird, beides zu verfolgen, mein Talent und meine Karriere. Mein Traum ist es, eines Tages mit meiner Familie aus Kibera wegzuziehen und den Menschen in meinem Viertel durch die Schaffung von Arbeits-plätzen zu helfen.

Im Leben kommt alles darauf an, wie man es betrachtet. Es hängt von der Einstellung ab. In Kibera bist du von Menschen umgeben, die selbst bescheiden sind und die aus einfachen Verhältnissen kommen. Doch egal, wie hart die Dinge sind, wir genießen das Leben und sind glücklich über das wenige, was wir haben.

Evans Otieno mit Pater Firmin Koffi in Kibera, Kenia. Foto: Brian Otieno/missio
Evans Otieno kann sich auf den Rat von Pater Firmin Koffi (rechts) verlassen.

Glaube an ein besseres Morgen

CAROLINE ANYANGO, KIRCHENMITGLIE

Ich war noch ein Baby, als wir aus unserem Dorf nach Nairobi zogen. Meine Eltern hofften, in der Großstadt ein besseres Leben zu finden. Wir wohnten in einem einzigen Raum. Wir hatten keine richtige Toi-lette, kein Badezimmer und keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das war hart. Aber meine Eltern schafften es, uns zur Schule zu schicken.

Heute bin ich verheiratet und habe selbst drei Kinder. Zehn Jahre nach der Heirat erlitt ich bei einem Gasunfall schwere Verbrennungen. Das war eine schwierige Zeit für uns. Doch mein Mann stand mir zur Seite. Wegen meiner empfindlichen Haut kann ich mich nicht lange in der Sonne aufhalten. Ich verkaufe Secondhand-Kinderkleidung auf der Straße. Ich hatte einen Stand auf dem Markt, aber als die Kinder zur Schule gingen, wurde es schwierig, die Miete für den Stand auf-zubringen.

Caroline Anyango lebt in Kibera und arbeitet als fliegende Verkäuferin für Baby-Kleidung Foto: Brian Otieno/missio
Caroline Anyango lebt in Kibera und verkauft Kinderkleidung auf der Straße.
Caroline verkauft Kleidung in einem Haar-Salon in Kibera. Foto: Brian Otieno/missio
Caroline macht regelmäßig eine Tour durch den Slum und stoppt auch in Friseursalons, um Kinderkleidung zu verkaufen.

Mein Glaube ist mir wichtig. Ich engagiere mich aktiv in unserer Kirchengemeinde. Ich bin Schriftführerin in meiner Kleinen Christlichen Gemeinschaft und mache auch in der Katholischen Frauenvereinigung mit. Dort wurde ich für eine Ausbildung ausgewählt und konnte sie erfolgreich abschließen. Jetzt begleite ich junge Frauen, die dort Mitglied werden möchten, während ihrer zweijährigen Probephase. Und es gibt einen Beratungskurs, den ich gerne machen würde, um Menschen noch besser helfen zu können.

Ich gehöre zu den Menschen, die glauben, dass der morgige Tag besser sein wird als der heutige. Wenn du schläfst und aufwachst, solltest du wissen, dass dies ein neuer Tag ist und dass mit jedem Tag neue Dinge und Möglichkeiten kommen. Ich glaube, dass die Zukunft gut sein wird.