Manchmal beginnt Mission nicht mit einem großen Plan, sondern mit einem einfachen Entschluss: da zu sein, wo das Leben am verletzlichsten ist. Für Pater Girish Santiago SJ ist genau das Wirklichkeit geworden. Seit 2016 lebt der indische Jesuit in Yangon, der größten Stadt Myanmars, einem Land, das von einem nicht enden wollenden Albtraum heimgesucht wird: Militärputsch, Bürgerkrieg, Flutkatastrophen, Armut – und zuletzt ein verheerendes Erdbeben.
Geboren 1967 im indischen Gujarat, wurde Pater Girish 1997 zum Priester geweiht. Er promovierte in Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt auf der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Seit 2022 ist Pater Girish Regionaloberer der Jesuiten in Myanmar. Seine Arbeit gilt besonders den ethnischen Minderheiten und den Vertriebenen. „Enable the Disabled“, „Den Schwachen Stärke geben“ lautet sein Lebensmotto. In einem Land, das kaum zur Ruhe kommt, erhält dieses Leitwort eine neue, tiefere Bedeutung. Es geht nicht mehr nur um Bildung oder Förderung, sondern vor allem darum, einfach da zu sein und den Menschen beizustehen.
Hoffnung ist das Licht in der Dunkelheit, das sagt:
„Noch nicht. Mach weiter“.
- Pater Girish Santiago
Nach dem verheerenden Erdbeben vom März 2025 machte sich Pater Girish sofort auf den Weg in die Region Mandalay, das Epizentrum der Katastrophe. Dort koordinierte er die Hilfsmaßnahmen seines Ordens. Tausende Menschen waren ums Leben gekommen, Zehntausende standen plötzlich vor dem Nichts. Als er dort eintraf, erschütterten weitere Nachbeben die Stadt. „Wir rannten nach draußen. In jener Nacht schliefen wir alle – auch der Erzbischof – unter den Bäumen, aus Angst vor weiteren Erschütterungen“, erinnert sich der 58-Jährige.
Das Erdbeben hinterließ nicht nur zerstörte Häuser, sondern auch tiefe seelische Wunden. Für viele Menschen in Myanmar wurde die Nacht des Bebens zum Sinnbild eines Lebens in ständiger Unsicherheit. „In Myanmar fragen wir uns immer wieder: ‚Warum trifft uns so viel Leid? Warum folgt eine Katastrophe der nächsten?‘ Das Ausmaß des Leids ist unvorstellbar“, sagt Pater Girish. „Seit acht Jahren erlebe ich ein tief verwundetes Myanmar.“
Und doch verliert er den Mut nicht. „Hoffnung ist das Licht in der Dunkelheit“, sagt der Jesuit. „Sie bewahrt mich davor, aufzugeben. Selbst wenn alles verloren scheint, flüstert sie: Noch nicht. Mach weiter.“
Bettina Tiburzy