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Corona und die Folgen in Indien

Fast 11 Millionen Corona-Infizierte gibt es mittlerweile in Indien. Slumbewohner wohnen im Elend und können keine soziale Distanzierung oder Hygienemaßnahmen einhalten. Doch das Virus hat die Ärmsten der Armen nicht so stark getroffen wie vermutet. Und dennoch ist die Lage prekär, denn viele Menschen verlieren ihre Jobs und können nicht für ihre Familie sorgen. Dr. Martin Stauch hat mit Pater Rajakumar über die Situation in Indien gesprochen.

Pater Rajakumar, mit fast 11 Millionen Corona-Infizierten (Abruf vom 17.2.2021) liegt Indien nach den USA an zweiter Stelle der weltweiten Corona-Statistik. Sie engagieren sich in den Slums in Ihrer direkten Umgebung. Welche Auswirkungen hat Corona auf die Bevölkerung in den Slums?

Eigentlich müsste Corona in den Slums, wo soziale Distanzierung und Masken die Ausnahme sind, hemmungslos wüten. Millionen von Slumbewohnern wohnen im Elend in kleinen Hütten, können keine Abstände einhalten oder Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen einhalten. Dennoch hat überraschenderweise das Virus die Slumbewohner, Armen und Migranten nicht in dem Ausmaß getroffen, wie man es vermuten würde. Dafür verloren sie, wie viele andere auch, wegen Corona eventuell vorhandene Arbeit, das ist die eigentliche Tragik. Denn sie leben von der Hand in den Mund. Ersparnisse gibt es nicht und Unterstützung von der Regierung auch nicht.

Wenigstens können sie mit ihren Familien zusammenbleiben, um sich gegenseitig zu helfen. Da die Infektionszahlen seit dem Höhepunkt im September zurückgehen und das Impfprogamm langsam startet, hoffen alle auf eine wirtschaftliche Erholung. Aber die lässt auf sich warten.

Millionen von Slumbewohnern wohnen im Elend in kleinen Hütten, können keine Abstände einhalten oder Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen einhalten. Foto: Joseph Rajakumar / missio
Millionen von Slumbewohnern wohnen im Elend in kleinen Hütten, können keine Abstände einhalten oder Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen einhalten.

Die Slumbewohner sind nicht die einzigen Armen in Indien. Wie sieht die Lage bei den Tagelöhnern aus?

Insbesondere die Tagelöhner haben gelitten, denn aufgrund des intensiven Lockdowns von April bis Juli 2020 erhielten sie keine Arbeit mehr und daher auch keine täglichen Löhne. Die weitaus größere Gefahr als das Corona-Virus ist daher die wirtschaftliche Armut, die durch Corona noch verschärft wird. Die Tagelöhner, die häufig aus anderen nordindischen Staaten wie Bihar, Uttar Pradesh, Rajasthan und Jharkhand nach Neu-Delhi und in noch südlichere Großstädte gekommen waren, hatten wegen des Lockdowns kein Geld, um sich oder ihre Familien zu versorgen. In ihrer Verzweiflung begannen diese Migranten zu Fuß in ihre Heimatorte zurückzugehen. Ein regelrechter Exodus begann, der immer noch anhält. Wann die Wirtschaftserholung bei den Tagelöhnern ankommt, ist derzeit nicht abzusehen.

Migranten kehren nach Verlust ihrer Jobs zu Fuß in ihre Heimatorte zurück. Foto: Joseph Rajakumar / missio
Migranten kehren nach Verlust ihrer Jobs zu Fuß in ihre Heimatorte zurück.

Eine dritte Gruppe ist derzeit ebenfalls wirtschaftlich gebeutelt, die Bauern. Sie unterstützen die seit Monaten andauernden Bauerproteste. Worum geht es dabei?

Im September 2020 sind drei Gesetze in Kraft getreten, die die Bauern in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohen. Kurz gesagt, dürfen die Bauern künftig überall und an jeden ihre Waren anbieten. Sie müssen nicht mehr über staatlich regulierte Großmärkte gehen. Was sich positiv anhört, kann für die Kleinbauern existenz­bedrohend sein, denn die Großmärkte garantierten Mindestpreise. Die Bauern befürchten nun, dass sie gegen die Agrargroßkonzerne keine Chance auf existenzsichernde Preise mehr haben. Deshalb gehen sie millionenfach auf die Straße und campieren sogar bei bitterer Kälte am Rande der Hauptstadt, um Druck auf die Regierung zu machen, die Gesetze zurückzunehmen. Die Bauern haben praktisch eine eigene Stadt errichtet. Sie leben dort in selbst gebauten Hütten oder Zelten, sie duschen und waschen sich vor Ort, sogar Waschmaschinen habe ich bereits gesehen. Sie sind willens, diesen Kampf sehr lange durchzuhalten.

Wie engagieren Sie sich persönlich in diesem Kampf der Bauern?

Ich unterstütze die Bauern zusammen mit anderen Mitbrüdern durch meine Anwesenheit, durch meine gelebte Solidarität und durch praktische Hilfe überall dort, wo es notwendig ist. Diese Unterstützung geschieht in der festen Überzeugung, dass die Gesetze abgeschafft werden müssen, aber auch aus einem interreligiösen Geist heraus. Denn die Protestierenden sind etwa zur Hälfte Sikhs und zu anderen Hälfte Hindus.

Dr. Martin Stauch

P. Dr. Joseph Rajakumar SJ Foto: Joseph Rajakumar / missio
P. Dr. Joseph Rajakumar SJ

P. Dr. Joseph Rajakumar SJ wird am 27. Mai 2021, 18.00 Uhr einen Online-Vortrag zu diesem Thema halten. Ausschreibung lesen und hier anmelden!

Der Referent, Pater Dr. Joseph Rajakumar, wurde 1970 in Tamil Nadu in Südindien geboren. Nach seiner Schulzeit hat er seine Heimat verlassen und ist in den Jesuitenorden in der Provinz Andhra Pradesh eingetreten. Zum Promotionsstudium ist er nach Deutschland gekommen und hat seine Doktorarbeit in Theologie an der Universität Mainz geschrieben. Gegenwärtig ist P. Rajakumar an der Hochschule der Jesuiten, der Theologischen Hochschule Vidyajyoti, Delhi/Indien, tätig.


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