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Unterwegs in Melanesien: Die Rechte der Frauen

Auf seiner Reise auf den Salomonen führt Sebastian Beyer (29) ein sehr spannendes Interview mit Sara  Manedetea vom „women desk“ der Erzdiözese Honiara. Sara erklärt ihm, dass Frauen den Haushalt organisieren, sich um die Kinder kümmern und den Garten des Hauses pflegen. Die dort geernteten Früchte werden später auf dem „central market“ verkauft, um das wenige Geld, dass benötigt wird, zu verdienen.

Die Männer hingegen genießen meistens lieber ihr Bier in der Sonne oder gehen fischen, wobei das nur eine nette Umschreibung für eine Ausrede ist, um nicht bei der Arbeit zu helfen. Dadurch, dass bei der Hochzeit ein Brautpreis gezahlt wird, gehen viele Ehepartner davon aus, dass die Dame dem Mann gehört und er frei über sie verfügen kann. Oft wird der Preis nach oben getrieben, um zu schauen, ob der Mann die Frau wirklich haben will und das Verhandlungsgeschick des Vaters entscheidet über den tatsächlichen Preis für seine Tochter. Der Vater von Sara wollte ihr das Schicksal eines menschlichen Eigentums nicht antun und erließ seinem Schwiegersohn den Brautpreis, wodurch Sara ein freieres Leben führen darf. Sie benutzt den Ausdruck „cultural rooted human trafficking“ (kulturell verwurzelter Menschenhandel), um den Kult um den Brautpreis zu beschreiben.

Nicht nur im Familienleben halten sich Männer gerne aus der Affäre, auch im kirchlichen Leben sind Männer weniger anzutreffen. Geht man sonntags in eine Kirche, so wird man schnell feststellen, dass die Geschlechter getrennt sitzen müssen und die Seite der Männer fast leer ist. Dem gegenüber ist die Frauenseite brechend voll mit Müttern und ihren Kindern. Sogar so voll, dass viele Frauen keinen Platz in der Kirche finden und von draussen dem Gottesdienst folgen. Die freien Plätze auf der Männerseite sind für sie nicht verfügbar. Das verlangt die Kultur von ihnen.

Der Grund dafür, dass die Solomon Islands auf dem traurigen zweiten Platz für „genderbased violence“ (geschlechtsspezifische Gewalt) liegt, beruht auf der „big man mentality“ (Mentalität des großen Mannes). Dies bedeutet, dass Männer im Vergleich zu Frauen als überlegen angesehen werden. Innerhalb der Männergruppe bedeutet diese Weltsicht, dass man durch Gefallen und Einfordern von Gefallen sich langsam aber sicher in eine unverzichtbare und machtvolle Position innerhalb der Gemeinschaft hocharbeitet. Nach oben wird gebückt und nach unten getreten. Je höher der Rang eines „Big Man”, desto mehr darf er sich erlauben und mehr von seinem Verhalten wird hingenommen. Manche der Männer nutzen diese Strukturen, um Gutes zu schaffen, andere hingegen missbrauchen sie, um sich selbst und Nächsten unfaire Vorteile oder Privilegien zu sichern. Dieses Verhalten wird von den indonesischen Brüdern vom Priesterseminar genau beobachtet. Ein Big Man kann nicht nur durch reziproke Verhaltensweisen, sondern auch durch einen bestimmten Beruf erschaffen werden. Polizisten, Politiker, Lehrer, Priester, ... Sie alle haben eine Gewisse Macht und Einfluss, der unter gewissen Umständen gerne korrumpiert und missbraucht wird.

Foto: Sebastian Beyer / missio

Sara erzählt mir im Konferenzraum der Erzdiözese, dass in ihrem Dorf die Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, zu ihr kommen um Schutz zu suchen. Jede Gemeinschaft hat einen Haushalt, der für solche Umstände Schutz anbietet. Diese Aufgabe ist für sie aber nicht ungefährlich, da die oft alkoholisierten und aggressiven Männer die Gewalt vom Wohnzimmer auch gerne auf das Nachbargrundstück verlagern, wenn es sein muss. Während die geschundene Frau sich in Saras Haus verstecken kann, versucht Sara mit ihrem Ehemann zusammen die Situation zu beruhigen. Leider kann sie dann nicht einfach die Polizei rufen, da dieser Schritt von der gesamten Dorfgemeinschaft genehmigt werden muss. Nach dem Motto „Dreckige Wäsche wird zuhause gewaschen“ versucht man alle Vorfälle dieser Art im Dorf unter sich zu klären. Diese „culture of silence“ (Kultur des Schweigens) auf Dorfebene kann jedoch gebrochen werden, wenn die Gewalt überhand nimmt oder die Gemeinschaft an sich gefährdet wird. Sara nennt als Beispiel aus ihrer Gegend den Fall eines Mannes, der für seinen übermäßigen Konsum von Alkohol und brutalen Stil seine Meinung zu äussern bekannt war. Als er anfing sein Einkommen mit über 600 Cannabis-Pflanzen aufzubessern, geriet die Gemeinschaft in drastische Gefahr. Mitgehangen, mitgefangen! Also beschloss man in der Gemeinschaft einen günstigen Moment abzupassen und die Polizei zu kontaktieren. Die Beamten mussten den Mann mit Elektroschockern ruhigstellen, bevor sie die Plantage vernichten konnten.

Innerhalb ihrer Gemeinschaft sind Frauen relativ sicher und es gibt verschiedene Systeme in den Dörfern, die häusliche Gewalt eindämmen sollen. So intervenieren meist die Nachbarn, wenn sie von der Anwendung von Gewalt erfahren. Sara’s Angebot des Vermittelns zwischen den Ehepartnern ist nur für den absoluten Notfall gedacht.  Es gibt auf den Solomon Islands ein Frauenhaus, jedoch gibt es nur begrenzt Platz und es darf nur je ein Kind mitgenommen werden. Nicht nur der weite Weg für die meisten Frauen hält sie davon ab diese Hilfestellung in Anspruch zu nehmen. Auch seine eigenen Kinder zurückzulassen missfällt den meisten, gefolgt von dem Stigmata, dass die Dorfgemeinschaft diesen Frauen aufbürdet, ist ein weiterer Hemmfaktor, den es zu überwinden gilt.

Ausserhalb der Gemeinschaft sind Frauen vielen Gefahren ausgesetzt, wodurch für sie meist nur das Reisen in Gruppen möglich ist. Nicht nur der Bierkonsum macht das Leben für sie schwer. Quasi, selbstgebrannter Schnaps, ähnlich wie Strohrum, lässt viele der Männer ihre Manieren vergessen und Gewalt in jeglicher Form an fremden Frauen ausüben.

In sehr weit abgelegenen Gegenden ist es üblich, Gästen und „Big Men” die eigene Tochter für eine Nacht als Willkommensgeschenk anzubieten. Dieses Angebot wird von den Meisten dann gerne angenohmen. Wenn Mädchen in solch einem Umfeld aufwachsen und keine Alternativvorstellung kennenlernen, müssen sie mit dem Gedanken der Unterlegenheit und keinerlei Selbstwertgefühl aufwachsen und dieses Rollenbild an ihre Töchter weitergeben. Abgesehen von diesem grausamen Kulturgut gibt es noch das Taboo-Haus in manchen Gegenden, was für Stammestreffen und Initiationsriten und Ähnliches genutzt wird. Taboo steht für eine Verbotsvorschrift, die von einem Big Man, beziehungsweise von einem Chief ausgesprochen werden kann und traditionell einen Ort oder eine Verhaltensweise stehen kann. Der Sinn dahinter ist es zum Beispiel überfischte Seen als Taboo zu erklären um den verbliebenen Fischbestand sich wieder erholen zu lassen. Im Falle der Taboohäuser, in denen alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden, bezieht sich das Taboo auf die Frauen, welche bei diesen Treffen grundsätzlich nicht geduldet werden. Dieses Verbot von Frauen in diesen Häusern hat eine so tiefe Tragweite, dass Sister Lina mir unbedingt von einem Vorfall in einem Dorf erzählen möchte. Als sie mit ein paar anderen Schwestern in ein abgelegenen Dorf für Aufklärungsarbeit gefahren ist, möchte sie sich bei einer Pause kurz hinsetzen und genießt die Möglichkeit sich auf eine der Terassen der „leaf houses“ zu setzen. Dieses aus Blättern und Stöcken gefertigtes Haus war allerdings das Taboo-Haus und innerhalb von Sekunden kamen schreiende Jungen zu ihr gerannt. Die Aufregung war allerdings so groß, dass Sister Lina, die fließend Pidgin spricht, kein Wort verstand. Beim Eintreffen eines herbeigelaufenen Mannes wird ihr erläutert, dass sie gerade eben das Taboo-Haus entweiht hat. Die übliche Strafe nach Dorfregeln wird ihr erlassen und ihr wurde gesagt, dass dies nur aufgrund ihrer philippinischen Herkunft, und somit Unwissenheit, weitere Konsequenzen erspart bleiben.

Auf die Frage hin, ob die Umstände der Frauen nicht zum Nachdenken oder Aufbegehren der Frauen führen, erzählt mir Sara resigniert, dass man in einer Gemeinschaft aufwächst und die dort herrschenden Regeln als normal empfindet und selbst wenn man sie als ungerecht empfindet, einem nur das Hinnehmen übrigbleibt. Als Frau hat man nicht die Möglichkeit einfach seine Meinung zu sagen, schon gar nicht öffentlich.

Father Cley demonstriert mir am Abend genau diesen Fall auf sehr anschauliche Art. Er möchte, dass ich ein paar Frauen, die das NAC besuchen zum Thema Frauenrechte interviewe. Dieses Angebot nehme ich selbstverständlich gerne an und gehe davon aus, dass das glückliche Geschnatter aus dem Inneren des Gebäudes ein gutes Vorzeichen für mein Interview darstellt und alle meine Fragen von motivierten, redseligen Frauen beantwortet werden. Als die Türe aufgeht und ich eintrete, verstummen die drei Damen abrupt. Diese Situation kennt man eigentlich nur von schlechten Western, wenn der Pianospieler zu klimpern aufhört, alle Gespräche verstummen und sich die Blicke auf dem Fremden konzentrieren. Cley stellt mich vor und lässt uns alleine, damit seine Anwesenheit niemanden im Raum vom Antworten abhalten kann. Anfangs denke ich, dass die drei unterschiedlich alten Frauen einfach kein Englisch sprechen und dementsprechend meine Fragen nicht verstehen. Selbst die gute, alte Hand-und-Fuß-Kommunikation erzielt keine Ergebnisse, so dass ich unendlich froh war, als Cley nach einer Viertelstunde unsere peinlich berührte Vierer-Gruppe von der mittlerweile drückenden Stille erlöst. Wie er uns erklärt, sind die Frauen keinesfalls durch eine Sprachbarriere von mir getrennt, ganz im Gegenteil. Sie können alle fließend Englisch. Die Stille basiert also nicht auf linguistischen Hürden, sondern auf der Tatsache, dass Frauen Fremden nicht antworten dürfen. Ihnen ist es nicht erlaubt ohne Einverständnis des entsprechenden Mannes mit anderen Männern zu kommunizieren. Die nach unten gerichteten Blicke waren kein Ausdruck von Unvermögen Fragen nicht zu verstehen oder Antworten zu formulieren, sondern respektvolles, eher angsterfülltes Ausweichen. Cley erklärt mir, dass er das als eines der größten Probleme in der Gesellschaft sieht, da immerhin 50% der Einwohner der Salomonen genau so reagieren und systematisch unterdrückt leben müssen.

Saras Aufgabe mit dem „women desk“, komplementär zu dem „men desk“, besteht darin workshops zu „women related issues“ (frauenbezogene Themen) zu organiseren und Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie fährt in die Dörfer und möchte die Frauen „empowern“ (stärken). Sie sagt, dass die aktuelle Generation bereits sehr stark in die kulturellen Eigenschaften eingebunden ist und nur die nächste Generation die Hoffnung hat, innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre einen Wechsel zu erleben. Ihre Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit Frauen und versucht ein Bewusstsein für eigene Rechte und Bedürfnisse zu erschaffen, was wiederum auch zu Anfeindungen von Männern führt. Genau dort setzt die Arbeit des noch unbesetzten „men desk“ an, der Saras Ansatz von einem Mann, möglichst hochrangig, den Dorfgemeinschaften in den Taboohäusern nahegebracht werden soll. Nur so ist es überhaupt möglich den Männern die Rechte von Frauen nahezubringen, da die Meinung einer Frau sonst kein Gehör finden wird.


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