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Elfenbeinküste: Weltkirchliche Solidarität in Zeiten von Corona

Immer wieder erhebt Papst Franziskus seine Stimme und ruft zu einer Globalisierung der Solidarität und Nächstenliebe auf. In Zeiten von Corona bekommt dieser Appell eine neue Bedeutung. missio steht auch in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie in engem Kontakt mit seinen Projektpartnern in Afrika, Asien und Ozeanien, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Dr. Marco Moerschbacher befragte Firmin Randos Andih, der in Abidjan lebt und Mitglied der Gemeinschaft Sant’Egidio ist, zur aktuellen Situation in der Côte d‘Ivoire.

Inwiefern hat die Covid-19-Pandemie das Leben von Ihnen und den Menschen in Ihrer Nachbarschaft verändert?

Die Corona-Pandemie ist an der Elfenbeinküsten (Côte d'Ivoire) zum ersten Mal mit einem Fall am 11. März 2020 aufgetreten. Es handelte sich um einen Ivorer, der aus Italien eingereist war. In dem Versuch, die Verbreitung der Krankheit einzudämmen, wurden die Menschen, die mit dem Kranken Kontakt hatten, isoliert, und es wurden Kontrollstellen an den Grenzen eingerichtet. Trotz dieser Maßnahmen breitete sich die Krankheit aus. Dies veranlasste die Regierung, am 22. März die Grenzen zu schließen und am 23. März den Notstand zu erklären. Innerhalb von zwei Wochen verzeichnete das Land 101 Fälle. Epizentrum der Pandemie war die Stadt Abidjan mit 5 Millionen Einwohnern, die in Quarantäne abgeriegelt wurde. Seit dem 29. März gibt es keinen Verkehr und keine Transporte mehr zwischen Abidjan und den übrigen Landesteilen. Um gegen das Fortschreiten der Epidemie vorzugehen, die nach kurzer Zeit 323 Fälle, davon drei Tote, zählte, richtet das Gesundheitsministerium eine Reihe von Teststationen ein, was zu gewalttätigen Demonstrationen in den Vierteln Yopougon und Koumassi führte. Am 9. April  erklärte der Rat für die nationale Sicherheit das Tragen von Masken zur Pflicht. Besonders bedürftige  Haushalte erhalten eine staatliche Hilfe in Höhe von 75000 FCFA (115 Euro). Nach Aufhebung der Ausgangssperre am 15. Mai 2020 und der Lockerung der Beschränkungen (Öffnung der Schulen, Ende des abendlichen Ausgehverbots, Wiedereröffnung der Märkte) steigt die Zahl der Infizierten wieder an. Am 7. Juni 2020 wurden insgesamt 3739 Infizierte verzeichnet, von denen 1818 geheilt und 36 gestorben sind.

Die Pandemie des Corona-Virus an der Elfenbeinküste hat das Verhalten der Menschen verändert, insbesondere in Abidjan. Alle meine Nachbarn, die im informellen Sektor arbeiten, sind in einer extremen wirtschaftlichen Notlage – aufgrund des Wegfalls ihrer Arbeit. In den wohlhabenden Vierteln fehlt es aufgrund eines gewissen Individualismus an Solidarität. Die Angst vor Ansteckung führt zu Misstrauen unter Nachbarn. Besuche sind verboten, und die Kinder spielen nicht mehr miteinander. Aber in den ärmeren Vierteln sind die Beziehungen intakt geblieben, oder haben sich sogar verbessert, etwa in Häusern mit mehreren Mietern. Es gibt nach wie vor gute nachbarschaftliche Beziehungen. In diesen Vierteln werden die Masken nicht getragen. Wer eine Maske trägt, will sich abheben und als Intellektueller oder Reicher da stehen. Viele glauben überhaupt nicht an die Existenz von Covid-19.

 

Welche weiteren Auswirkungen der Pandemie sind für Ihr Land in den nächsten Monaten zu erwarten?

Die Pandemie Covid-19 hat das Land für zwei Monate zum Stillstand gebracht. Tausende von Arbeitsplätzen sind verloren gegangen, besonders in den kleinen und mittleren Unternehmen sowie auf dem informellen Sektor. Die Abschottung von Abidjan, dem Wirtschaftszentrum des Landes, hat der nationalen Wirtschaft geschadet. Trotz der Erstellung eines Plans zum wirtschaftlichen Wiederaufbau mit einem Volumen von 1700 Milliarden FCFA  (gut 2,5 Milliarden Euro), das sind 5 % des Bruttoinlandsprodukts, bleiben enorme Herausforderungen, zumal die Krankheit sich in beunruhigender Schnelligkeit weiter ausbreitet. Einige Bereiche wie der Tourismus, die Hotels, Festaktivitäten (Theater, Konzerte, Bars) stehen immer noch still. Die Kirchen, wo jeden Sonntag in den verschiedenen Gottesdiensten Tausende von Menschen zusammenkamen,  funktionieren nicht wie früher (nur 200 Menschen in einem Gottesdienst unter Einhaltung der Abstandsbestimmungen sind erlaubt). Die Abstandsbestimmungen beeinträchtigen den sozialen Zusammenhalt.  So müssen Beerdigungen im kleinsten Familienkreis stattfinden. Hochzeiten und andere freudige Ereignisse werden nur sehr bescheiden gefeiert. Dies alles widerspricht der ivorischen Kultur des Feierns. Die weiterführenden Schulen haben sich auf Online-Unterricht umgestellt. Die meisten anderen Einrichtungen Grundschulen und Kindergärten haben die Kinder in vorgezogene Ferien geschickt, um die Anwendung der Vorschriften nicht zu gefährden. Ausgangssperre und Beschränkungen haben zwar die Ausbreitung der Pandemie gebremst, der aktuelle Wiederanstieg der Ansteckungen aber lässt für die nächsten Monate das Schlimmste befürchten: weitere Tote, weitere Familien in Trauer, weitere wegfallende Arbeitsplätze. Der Umgang mit dieser Krise wird im Mittelpunkt des Wahlkampfs zu den Präsidentschaftswahlen Ende dieses Jahres stehen.

 

Welche Bedeutung hat der christliche Glaube in diesen Zeiten der Pandemie?

Die Pandemie Covid-19 hat gezeigt, dass der Mensch ein verletzbares und fragiles Geschöpf ist, das Unsicherheit aushalten muss. Da es kein Medikament zur Behandlung der Krankheit gibt, wenden sich viele Ivorer an Gott, ihren Schöpfer. Die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan waren für die Angehörigen dieser Religionen, das sind über 70 % der Gesamtbevölkerung, Anlass, Gott im Gebet um Schutz vor der  Krankheit zu bitten. Die katholische Kirche hat im Zusammenhang mit Covid-19 ein Gebet herausgebracht, das zu Hause und in der Kirche gebetet werden kann. Einige Christen verkünden, ihnen seien in Visionen „von Jesus inspirierte Heilmittel“ gezeigt worden.

Foto: missio

Firmin Andos Randih ist Ivorer, Universitätsdozent und Familienvater. Er ist Mitglied der Gemeinschaft Sant’Egidio und hat für missio eine Untersuchung zu Religion und Gewalt in seinem Heimatland durchgeführt. Er ist auch Mitglied des missio-Netzwerks „Religion und Gewalt“.

Solidaritätsfond

Hilfe für Corona-Opfer

missio hat einen Solidaritätsfonds angelegt, um den von Corona am stärksten betroffenen Partnerinnen und Partnern in Asien, Afrika und Ozeanien schnell und unbürokratisch helfen zu können. Das Ziel: Sie sollen gerade in dieser schwierigen Zeit den leidenden Menschen zur Seite stehen und helfen können.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!


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