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Indien: Unser Gesundheitssystem ist völlig überfordert

Immer wieder erhebt Papst Franziskus seine Stimme und ruft zu einer Globalisierung der Solidarität und Nächstenliebe auf. In Zeiten von Corona bekommt dieser Appell eine neue Bedeutung. missio steht auch in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie in engem Kontakt mit seinen Projektpartnern in Afrika, Asien und Ozeanien, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Klaus Vellguth befragte Dr. Ruth D`Souza zur aktuellen Situation in Indien.

Inwiefern hat die Covid-19-Pandemie das Leben von Ihnen und den Menschen in Ihrer Nachbarschaft verändert?

In den letzten sechs Monaten hat sich das Leben in Indien vollständig verändert. Die Ärmsten der Armen sind am stärksten betroffen, weil viele von ihnen ihre Lebensgrundlage verloren haben. Was auf dem indischen Subkontinent als Krankheit reicher Männer begann, die von internationalen Reisenden eingeschleppt wurde, hat später den Armen, insbesondere den Tagelöhnern und Wanderarbeitern, die Lebensgrundlage entzogen. Unser Gesundheitssystem ist völlig überfordert. Krankenhausbetten und Medikamente sind schwer zu bekommen, besonders für schwerkranke Patienten. Auch viele Menschen aus der Mittelschicht sind mit Arbeitsplatzverlusten oder Gehaltskürzungen konfrontiert und müssen Hypotheken und Schulgebühren von ihren Ersparnissen abbezahlen. Vor allem kleine Unternehmen haben unter den Schließungen gelitten. Obwohl die Ausgangssperre aufgehoben wurde, dürfen Kinder unter zehn Jahren und ältere Menschen über 60 Jahre ihre Häuser nicht verlassen.

Viele Menschen sind mit psychischen Problemen konfrontiert - Unsicherheit, Angst, Furcht und Panikattacken sowie Schlafstörungen. Ältere und ans Haus gefesselte Menschen sowie chronisch Kranke leiden unter Einsamkeit, da die sozialen Kontakte abgebrochen sind und Besucher nicht in die Häuser gelassen werden.

Die Infektionen nehmen weiterhin täglich zu, Ärzte und Polizisten infizieren sich und sterben, und die Pandemie scheint ihren Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben. Kirchen sind geschlossen, Gottesdienste werden online übertragen. Die Erzdiözese Bombay hat sehr gut reagiert und die meisten Gottesdienste online geschaltet. Allein bei der offiziellen Sonntagsmesse der Diözese wurden mehr als 35.000 Online-Teilnehmer gezählt. Die kirchlichen Gemeinschaften funktionieren online - wir haben vor kurzem unser Pfarrfest online gefeiert, und im Oktober werden wir den Rosenkranz zu Unserer Lieben Frau von Fatima online beten, wobei jede Familie abwechselnd den Rosenkranz beten wird.

Welche Auswirkungen wird die Pandemie in den nächsten Monaten auf Ihr Land haben?

In den letzten Monaten ist die Wirtschaft in Indien im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent zurückgegangen. Es wird erwartet, dass die Wirtschaft weiter schrumpfen wird, da das verfügbare Einkommen gesunken ist. Die Zahl der Corona-Infektionen steigt jeden Tag, da die Menschen zur Arbeit gehen müssen. Das Virus hat selbst die kleinsten Dörfer erreicht, und unser Gesundheitssystem ist überfordert. Indien hat keine Herdenimmunität erreicht. Unsere Hoffnungen liegen in unserer Fähigkeit, Impfstoffe herzustellen.

Welche Bedeutung hat der christliche Glaube in diesen Zeiten der Pandemie?

Wir haben versucht, Christus in dieser Krise neu zu verkünden. Die Kirche stand an vorderster Front, wenn es darum ging, Migranten zu erreichen und Nahrung für die Ärmsten der Armen bereitzustellen. Katholische Krankenhäuser sind gerade in der Zeit der Pandemie wichtige Pfeiler des Gesundheitswesen. Online-Glaubenskurse und Online-Katechesen sind neue pastorale Angebote.

Foto: missio

Dr. Ruth D‘Souza lebt in Mumbai (Indien). Sie ist Mitglied des von missio initiierten Netzwerk Pastoral Asien. Das Netzwerk ist ein Zusammenschluss der Direktorinnen und Direktoren zahlreicher asiatischer Pastoralinstitute. Nähere Informationen zum Netzwerk Pastoral Asien finden sie hier ».

Solidaritätsfond

Hilfe für Corona-Opfer

missio hat einen Solidaritätsfonds angelegt, um den von Corona am stärksten betroffenen Partnerinnen und Partnern in Asien, Afrika und Ozeanien schnell und unbürokratisch helfen zu können. Das Ziel: Sie sollen gerade in dieser schwierigen Zeit den leidenden Menschen zur Seite stehen und helfen können.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!


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