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Mali: Die Pandemie ist nur ein Faktor, der die Zukunft bestimmt

Immer wieder erhebt Papst Franziskus seine Stimme und ruft zu einer Globalisierung der Solidarität und Nächstenliebe auf. In Zeiten von Corona bekommt dieser Appell eine neue Bedeutung. missio steht auch in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie in engem Kontakt mit seinen Projektpartnern in Afrika, Asien und Ozeanien, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Dr. Marco Moerschbacher interviewt den deutschen Pater Josef Stamer MAFr, der seit Jahrzehnten als Missionar in Mali tätig ist.

Inwiefern hat die Covid-19-Pandemie das Leben von Ihnen und den Menschen in Ihrer Nachbarschaft verändert?

Meine spontane Antwort wäre: "gar nicht", denn auf den ersten Blick geht das Leben hier normal weiter, das gleiche Verkehrschaos in der Innenstadt Bamakos, die Märkte voller Käufer und Verkäufer und auch an den Hauptverkehrsstraßen die gleichen Verkaufsstände. Man muss schon näher hinschauen um Veränderungen zu sehen. Da ist die große Zahl von Kindern und Jugendlichen in den Straßen, weil die Schulen geschlossen sind. Besonders während des Fastenmonats Ramadan hat sich die Covid-19-Pandemie bemerkbar gemacht. Die Moscheen sind größtenteils offen geblieben, aber viele Muslime haben den Ratschlägen ihrer Führer gefolgt und haben zu Hause gebetet und die Predigten und Unterweisungen im Radio oder Fernsehen gehört. Auch die Mahlzeiten der Nächte des Ramadan sind, wie man überall hörte, weniger üppig ausgefallen. Im Berufs- und Arbeitsleben sind die Auswirkungen am stärksten, weil viele von den internationalen Wirtschaftsbeziehungen abhängen und die sind zur Zeit immer noch blockiert.

 

Welche weiteren Auswirkungen der Pandemie sind für Ihr Land in den nächsten Monaten zu erwarten?

Die Pandemie ist leider nur ein Faktor, der die Zukunft Malis in den nächsten Monaten bestimmt, ein erschwerender natürlich. Aber die Probleme sind weitreichender als nur die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Gerade in diesen Tagen erlebt Mali eine Volksbewegung, wie nie zuvor seit der Demokratiebewegung der neunziger Jahre. Am Freitag, dem 5. Juni, sind tausende auf die Straße gegangen, um den Rücktritt des vor zwei Jahren wiedergewählten Präsidenten zu fordern, derart ist die Situation verfahren: Korruption, Unsicherheit in weiten Teilen des Landes, besonders im Norden und in der Mitte, gefälschte Parlamentswahlen, monatelange Streiks der Lehrer in den staatlichen Schulen ... Da kann ich heute schwer sagen, was die Pandemie all dem noch hinzufügen kann, was die Zukunft des Landes angeht, zumal man von den offiziellen Zahlen her den Eindruck hat, dass die Situation trotz täglich neuer Fälle doch ziemlich unter Kontrolle ist.

 

Welche Bedeutung hat der christliche Glaube in diesen Zeiten der Pandemie?

Da gibt es zunächst einmal die zwei Extreme: die einen, die nicht einmal an die Existenz des Covid-19 glauben, und die anderen, die ihn als direkte Strafe Gottes sehen und dies auch öffentlich verkünden.

Diese Deutung kann man sowohl bei muslimischen Imamen hören als auch bei evangelikalen Predigern. Die Pandemie ist von Gott gesandt, um uns im Glauben zu prüfen und in Sinne der Gesetzestreue aufzurütteln.

Für viele Christen und auch Muslime war diese Zeit ohne öffentliches Glaubensleben der Gemeinde eine Bewährungsprobe. Wie sie bei den einzelnen ausgefallen ist schwer zu sagen, aber ich denke doch, dass sie bei den meisten zur Vertiefung des Glaubens beigetragen hat. Ein anderes Element sind die zahlreichen Aufrufe zu mehr Solidarität mit den betroffenen Covid-19 Patienten und ihren Familien. Diese Aufrufe gehen weit über die konfessionellen Grenzen hinaus und sind so ein Ausgangspunkt für die interreligiöse Zusammenarbeit.

Foto: missio

Josef Stamer stammt aus Deutschland und gehört dem Orden der Afrikamissionare an. Er ist seit mehr als 50 Jahren als Missionar in Mali tätig und hat dort u.a. ein christlich-muslimisches Begegnungszentrum aufgebaut. Mit missio ist er seit vielen Jahren durch verschiedene Projekt und Publikationen verbunden.

Solidaritätsfond

Hilfe für Corona-Opfer

missio hat einen Solidaritätsfonds angelegt, um den von Corona am stärksten betroffenen Partnerinnen und Partnern in Asien, Afrika und Ozeanien schnell und unbürokratisch helfen zu können. Das Ziel: Sie sollen gerade in dieser schwierigen Zeit den leidenden Menschen zur Seite stehen und helfen können.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!


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